Franziska Krampfl

* 1931  

  • Da sind wir schon am Leiterwagen gesessen, mit allem, und dann ist mein Vater noch runtergegangen. Bei uns waren in der Nähe Kasernen. Und in der Kaserne war ein tschechischer Offizier und der wollte unseren Hof übernehmen. Und der hat es betrieben, dass wir so schnell wegmussten. Mein Vater hat zu ihm gesagt: „Ich sage euch, lasst das Vieh nicht die Wiesen unter, das geht bei uns nicht!“ Denn bei uns lauft die Angel unten und da ist es unten im Tal halt ein bisschen feucht und mein Vater hat gedacht, er muss ihn warnen. Jeder hat gedacht, wir kommen ja wieder heim. Das gibt es ja nicht, dass die uns einfach ohne Schuld wegbringen. Dann ist er wieder aufgestiegen, unser Knecht hat uns dann ins Lager gefahren, nach Elisenthal. Und dann waren wir im Lager, acht Tage. Ich weiß da sehr wenig. Da waren schon einige aus den Nachbargemeinden, aus Hammern, und ein Paar von Storn, das war zwischen uns und der Kaserne, da haben mehrere gewohnt. Und sonst kann ich mich an gar nichts mehr erinnern. Da waren wir acht Tage in Elisenthal und dann sind wir in Viehwagons verladen worden und sind dann wieder an unserem Hof vorbeigefahren, denn so fährt der Zug, am Spitzberg vor dem Tunnel ist unser Hof. Wir sind an unserem Hof vorbeigefahren, haben aufschauen können, jeder hat geweint. Und dann sind wir nach Furt gefahren und da sind wir über die Grenze und dann sind wir nach Bamberg ins Lager gekommen. Und es war furchtbar dort, das war so etwas vom Dreckig, das Lager, daran kann ich mich noch erinnern, da waren die Schränke voll von Kot, also es war schlimm. Ich weiß nicht, wer dort vorher gewohnt hat.

  • Was mich sehr gestört hat damals, war das am Bahnhof angeschlagen war: „Das Fahren für Hunde und Deutsche verboten!“ Das hat mich damals so ergriffen, dass ich das nie vergessen habe. Das war nicht schön. Und dann, wen man eingekauft hat, dann hat man wirklich warten müssen, bis alle Tschechen eingekauft haben und dann sind wir erst drangekommen. Das weiß ich auch noch. Sonst weiß ich nichts. Ich habe nicht im drinnen im Dorf gewohnt, die im Dorf, die wissen mehr, wir haben bei uns unsere Ruhe gehabt, wir haben im Frieden leben können.

  • Wir haben schon Sachen nach Bayern gebracht, im Falle, dass wir ausgesiedelt werden. Das war dann schon ein Bisschen… da waren wir noch sehr jung. Ich kann mich nur erinnern an meinen Bruder. Der große Bruder war schon nicht mehr da, der war in der Tschechei bei der Zwangsarbeit, aber der kleine Bruder, der ist auch mitgelaufen. Und einmal ist er so müde geworden, da hat der Vater gesagt: „Nein, setz dich halt da an Stockerle da, bis wir wiederkommen, dann holen wir dich ab.“ Und so war es, er hat geschlafen dort, weil er nicht mehr konnte. Ja, so war es. Aber es hat alles nichts genutzt. Es war nicht weit, es war Lohberg, wo wir die Sachen eingestellt haben. Das war ein Kriegskamerad von unserem Nachbarn, da haben wir die Sachen eingestellt. Es war nicht weit über der Grenze. Bei uns war es auch nur ein Stückchen, kurz beim Osser kamen wir über, vom Kleinen Osser ist so ein Weg rübergegangen. Das haben sie gewusst. Da ist immer jemand dabei gewesen, der uns geführt hat.

  • Wir waren am Feld, mein Vater und ich, wir haben das Kartoffelfeld vorbereitet und dann auf einmal ist vom Weiten her ein junger Mann gekommen mit einem Schein in der Hand und dann hat er den Schein dem Vater gegeben. Und da ist draufgestanden, dass wir am Morgen in der Früh um acht Uhr fertig sein müssen, wir sind bei der Aussiedlung dabei. Und unten ist gestanden: Hiermit geht alles Eigentum der Deutschen an den tschechischen Staat über. Aus. Das war die Enteignung. Dann hat der Vater gleich die Ochsen ausgespannt und wir sind wieder zum Haus hingefahren. Da war mein Bruder schon da, der hat es eher gewusst wie wir. Den haben sie dann schon heimgelassen. Dann waren wir daheim. Der Vater sagte: „Wir werden ja ausgesiedelt morgen!“ Wir hatten nichts vorbereitet, keine Kisten, nichts. Es ist ja erst angelaufen, wir waren bei den ersten Transporten schon dabei. In der Nähe ist ein Sägewerk gewesen, da ist er hineingegangen zu dem Herrn und hat gesagt: „Du musst mir unbedingt ein Paar Kisten zusammennageln, wir sind morgen bei der Aussiedlung dabei und haben nichts zum hineingehen.“ Der hat es dann gemacht, hat ganz primitive Brätterkisten zusammengenagelt und so ist es dann vor sich gegangen. Ja, es war schlimm. Und was nimmt man da mit? Es hat geheißen 50 Kilogramm, für acht Tage das Essen mitnehmen ins Lager, acht Tage mussten wir uns versorgen. So war es dann.

  • Tief drin im Böhmerwald, da liegt mein Heimatort; es ist gar lang schon her, daß ich von dort bin fort. Doch die Erinnerung, die bleibt mir stets gewiß, daß ich den Böhmerwald gar nie vergiß. Es war im Böhmerwald, wo meine Wiege stand, im schönen, grünen Böhmerwald, es war im Böhmerwald, wo meine Wiege stand, im schönen, grünen Wald. Nur einmal noch, o Herr, laß mich die Heimat seh'n, den schönen Böhmerwald, die Täler und die Höh'n; dann kehr' ich gern zurück und rufe freudig aus: Behüt dich, Böhmerwald, ich bleib' zu Haus!

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    Neukirchen, SRN, 05.09.2019

    (audio)
    délka: 01:22:41
    nahrávka pořízena v rámci projektu Das vertriebene Gedächtnis des Böhmerwaldes
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Am meisten störte mich die Anschrift: „Das Fahren für Hunde und Deutsche verboten!“

Als junge Frau in Deutschland
Als junge Frau in Deutschland
zdroj: pamětník

Franziska Krampfl wurde am 14. Juni 1931 in Eisenstraß (Hojsova Stráž) geboren und verbrachte ihre Kindheit im Ortsteil Frischwinkel (heute Brčálník). Sie stammt aus einer Familie von freien königlichen Bauern, die seit dem Mittelalter verschiedene Rechte und Privilegien genossen und sogar ein eigenes Wappen. Sie wuchs auf dem alten Familiengut Frischhof auf und wurde 1937 noch in der Tschechoslowakei eingeschult, doch selbst damals lernten sie in der Schule kein Tschechisch. Im Umkreis lebten auch keine Tschechen. Der Zweite Weltkrieg wirkte sich auf das Gebiet vornehmlich durch den Verlust der Männer aus, die teilweise durch fremde Zwangsarbeiter ersetzt wurden. Der Vater Josef Kelnhofer musste jedoch nicht in die Armee, denn er wurde aus wirtschaftlichen Gründen als unentbehrlich erklärt. Frau Franziska erinnert sich an Transporte von Gefangenen aus Konzentrationslagern in den letzten Monaten des Krieges und deutsche Flüchtlinge aus den Ostgebieten. Nach dem Krieg quartierte sich die Tschechoslowakische Armee in der dem Gut nahen Kaserne ein und es begann sich zu verbreiten, dass die Deutschen die Vertreibung erwartet. Die Kelnhofer brachten deshalb nachts Besitztümer über die Grenze ins nahe Bayern. Im Mai 1946 wurden sie über das Lager in Elisenthal (Alžbětín) ausgewiesen und gehörten zu den allerersten, weil ihr Gutshof das Interesse der Kommandanten aus der Kaserne geweckt hatte. Den Böhmerwald besuchte Frau Franziska das erste Mal in den Sechziger Jahren. Bis heute kehrt sie immer wieder zurück und kümmert sich um das Grab ihrer Großeltern in Eisenstraß.