Anna Fischer

* 1927  

  • Und die Eltern und die anderen Schwestern mussten dann mit dem Leiterwagen, gefahren worden sind sie dann über Furth, wo praktisch die Entlausung sein sollte, aber ob es das war, das weiß ich nicht. Und dann sind sie weiter verteilt worden in die verschiedenen Ortschaften wie Dingolfing, Franken, Württemberg, da sie sind sie halt verteilt worden. Und meine Mutter hat damals geschrieben, weil ich auf der Haselmüde war, dass wenn sie irgendwo ein Zimmer bekommen, dürfen sie aus dem Lager raus. Und nachher habe ich meinen Mann gefragt, sagte: „Naja, in der Häuselung wären Zimmer, da können sie kommen.“ Ja, da sind noch meine Schwestern und meine Eltern dahergekommen. Der Vater hat gesagt: „Bleib man gleich dort auf der Grenze! Weil das gibt es halt nicht, dass Leute einfach fortgehaut werden von den Häusern!“ Und dann hat er gesagt: „Bleib man gleich dort, dann sind wir gleich wieder daheim.“ Ein Jahr lang haben sie gewartet und heim gekommen sind sie nicht mehr, sie sind dann ins Württemberg eingezogen und haben sich dort irgendwo was gefunden.

  • Ja, das haben mehrere gemacht, über Jägershof sind viele los, über Heuhof und so. Es sind viele Leute über die Grenze gegangen und die haben auch noch heimlich in der Nacht Sachen rausgeschleppt wie zum Beispiel Betten oder Mehl oder alle möglichen Sachen, wie ich schon gesagt habe. Meine Mutter hat so eine Nähmaschine gekriegt, die ihr gehört hat, und die hat zurzeit meine Tochter im Esszimmer stehen. Und auch einen Schüsselkorb, der voll Schüssel und Teller und solchem Zeug ist, das ist auch von meiner Mutter, das hat ihr gehört. Sie haben es in der Nacht rausgeführdet. Manche hat es auch das Leben gekostet. Wenn die Tschechen geschrien haben: „„Stůj!“ und Sie nicht stehen geblieben sind, dann haben sie geschossen.

  • In 1990 ist die Grenzöffnung gewesen und da wollten wir von Neumarkt weg nach Hirschau. Und meine Schwestern waren auch hier, da sind wir auf Friedhof gegangen und haben das Grab gesucht von unserem Vater. Lauter Brennnessel und Stein, lauter Wildnis ist gewesen am Friedhof. Also haben wir das Grab nicht gefunden. Und wenn wir schon aus wollten von dort, als wenn er gesagt hätte zu mir: „Kehr doch um, du findest das Grab!“ Da bin ich allein hingegangen und habe das Grab gefunden. So ein Wunder, ne? Als ob er gesagt hätte, geh doch zurück und schau, du findest das bestimmt. Und genau so ist es gewesen. Und da haben wir damals eine kleine Pflanze neben dem Friedhof heraus mitgenommen, eine Linde. Und die Linde steht heute neben meiner Kapelle, die ich bauen hab lassen und ist vielleicht schon dreißig Meter hoch.

  • Ja das ist einfach gewesen, wenn der Krieg verloren gewesen ist, dass die Tschechen das Oberhaupt hatten, ne? Und die haben sich eher die Häuser aussuchen können, sie sind nach Taus gefahren und haben sich das zuschreiben lassen. Aber es ist halt nicht so gegangen, wie er wollte… Und jetzt fahren einige von den Deutschen von uns aus der Dörfern wie Neukirchen und Eschlkam zum Beispiel nach Hirschau und bearbeiten die Felder und Wiesen, wo früher die Deutschen waren. Wo bleibt denn die Gerechtigkeit? Die fahren jetzt hin und holen sich das oder sie bestellen die Felder. So verkehrt die Welt. Zuerst hauen sie die Leute fort und nun sollen sie wieder Freundschaft schließen. In den Alten ist immer noch der Hass drinnen und die Jungen schließen Freundschaft.

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    Neukirchen, SRN, 05.09.2019

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    délka: 01:20:29
    nahrávka pořízena v rámci projektu Das vertriebene Gedächtnis des Böhmerwaldes
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In den Alten bleibt der Hass drinnen, aber die Jungen schliessen Freundschaft

Anna Fischer mit ihrem Auto
Anna Fischer mit ihrem Auto
zdroj: pamětník

Anna Fischer, geb. Braun, wurde am 16. Juli 1927 im damals rein deutschen Dorf Hirschau (Hyršov) geboren, unweit von Neugedein (Kdyně) im Taus (Domažlice). Die Familie besaß eine größere Wirtschaft und die örtliche modern funktionierende Mühle, wohin viele Tschechen aus der Umgebung zum Getreidemahlen kamen. Anna ging vor dem Krieg in die Mädchen-Klosterschule der Armen Schulschwestern in Hirschau, wo sie während des Nachmittagsunterrichts pflichtmäßig Tschechisch lernte. 1938 wurden die Ordensschwestern gezwungen die Schule zu schließen und Anna in die örtliche Knabenschule versetzt. Nach der Schule absolvierte sie ein sog. Pflichtjahr in Furth im Wald, danach arbeitete sie in einem Kindergarten in Neumark (Všeruby), aber bald wurde sie in eine Waffenfabrik nach Klentsch (Klenčí pod Čerchovem) versetzt. Mit dem Kriegsende kehrte sie heim nach Hirschau. Aus Angst vor Zwangsarbeit in Tschechien, beziehungsweise Russland entschied sie sich zu Allerheiligen 1945 über die grüne Grenze zu fliehen und siedelte sich in Stachesried an. Anna besuchte ihre Familie regelmäßig und ging mit den heimlichen Grenzübertritten ein großes Risiko ein. Ihre Familie wurde erste später ausgewiesen. Hirschau besuchte Anna mit ihren Schwestern 1990 zum ersten Mal nach der Vertreibung. Sie fand das Grab ihres Vaters auf dem Friedhof und nahm als Erinnerung ein Lindenbäumchen mit, das bis heute neben ihrer privaten Kapelle steht.