Maria Mayer

* 1935  

  • Meine jüngere Schwester, wir treffen uns ganz oft und ich erzähle ihr von Daheim, immer, immer, immer reden wir von Daheim, und sie sagt immer: „Wo weißt du alles her? Wo weißt du es her?“ und ich sage ihr immer: „Na weißt du, ich war schon 11 Jahre. Und du warst erst 4.“ Das ist Unterschied. Und wo man da das erste Mal, damals, im 1965 ging es nicht, das war Winter, aber wo ich dann das nächste Mal gekommen bin, im Sommer, dann sind wir oben zum Hause hochgelaufen, wo das Haus war, das hätte ich blind gefunden. Das Haus hätte ich blind gefunden. Obwohl es sich ja im Wald viel verändert hat, die ganzen großen Bäume sind alle schon weg. Aber ich hätte es blind gefunden. Auf Anhieb habe ich es gefunden. Ich bin dahingelaufen, da war ja mein Mann schon mit, er hat gesagt: „Weißt du den Weg noch?“, habe ich gesagt: „Warum soll ich den Weg nicht wissen?“, den Weg würde ich blind finden. Wirklich. So ist es eingeprägt. Man hat ihn täglich gegangen. Winter wie Sommer.

  • Einmal sind wir dann getrennt worden, Männlein und Weiblein, nackt, ganz nackt. Da war ich schon 11 Jahre dann, 1946. Ich hatte schon kleinen Busen, ich habe mich so geschämt. Ich musste mich nackt ausziehen, hatte meine kleine Schwester an der Hand. Und dann musste man gehen, nackt, über solche Bretter und dann kamen wir in einen Raum und meine Mutter hat gemeint: „Jetzt vielleicht werden wir vergast“. Man wusste es ja nicht. Aber da sind wir nur desinfiziert worden, überall. Es wuchs Ungeziefer. Und da waren wir getrennt, Männer und Frauen.

  • Und die Soldaten haben im Wald Munition und Gewehre weggeworfen. Und wir Kinder waren ja im Walde zu Hause und haben das gefunden. Und haben das alles zusammengeholt. Und haben gespielt und haben gesagt „Jetzt spielen wir Krieg!“, wir haben im Wald Krieg gespielt. Meine zwei Brüder, ein Cousin von mir und ich, ich war damals 10 Jahre alt, das war 1945. Und dann haben wir gespielt mit Gewehren, Munition. Da waren bei uns Riesensteine im Wald, riesengroße Steine. Und dann haben wir Munition auf den Stein gelegt. Und mit einem anderen Stein draufgehaut. Das hat eine Rauchwolke gegeben und ein Feuerball, dass man gar niemanden mehr gesehen hat. Ich habe gedacht: „Ich bin alleine, es ist niemand mehr da“. Dann war der Rauch wieder weg und dann hat man geschaut. So haben wir gespielt und uns es ist nichts passiert. Und dann haben wir Telefon gefunden, das waren solche Kästchen, wo man so drehen musste und da waren die Drähte durchgeschnitten. Und jetzt musste ich immer die Drähte zusammenhalten, dass meine Brüder telefonieren konnten. Das hat mich immer elektrisiert und ich habe wieder ausgelassen. Dann habe ich über den Arsch gekriegt, weil ich ausgelassen habe. Dann haben sie gesagt: „Wenn´s du nicht hältst, wenn du es nicht zusammenhältst, darfst du morgen nicht mehr mit.“ Und dann habe ich halt wieder zusammengehalten. Da haben sie mich oft verdroschen, aber ich habe nicht lockerlassen, ich wollte dabei sein, habe immer wieder die Drähte zusammengehalten und dann haben die telefoniert miteinander. Und dann, es ist weiter nichts passiert, wir haben wochenlang gespielt in dem Wald, es war herrlich, herrlich war das. Wir haben gar nicht daran gedacht, das etwas passieren könnte. Und meine Eltern haben nichts gewusst, das haben wir ja nicht verraten. Am Abend haben wir die Sachen immer im Dickicht versteckt.

  • Eine Banane habe ich als Geschenk bekommen, da war ich sechzehn Jahre. Das sagte eine Frau zu mir, magst du eine Banane? Ich habe ich gesagt und habe mich bischen geschämt: „Ja“. Und ich habe sie genommen und habe sie in die Tasche gesteckt. Und sie hat gefragt: „Willst du die Banane nicht essen?“ und dann habe ich geweint. Und dann sagte sie: „Warum weinst du?“ und dann habe ich gesagt: „Ich schäme mich so, ich weiß nicht, was das ist, eine Banane. Ich weiß nicht, soll ich sie essen, wie sie ist?“ Jetzt hat sie mir sie geschält und dann habe ich sie gegessen. Und dann habe ich mir gedacht: „Lieber Gott, ist so etwas Gutes! So etwas habe ich noch nie gegessen. Einmalig.“

  • Celé nahrávky
  • 1

    Neukirchen b. hl. Blut, 06.09.2019

    (audio)
    délka: 01:35:29
    nahrávka pořízena v rámci projektu Das vertriebene Gedächtnis des Böhmerwaldes
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Ich hatte eine wunderschöne Kindheit. Was weiter kam, möchte ich niemandem wünschen

Maria Mayer als junge Frau
Maria Mayer als junge Frau
zdroj: pamětník

Maria Mayer, geb. Greiner, wurde am 24. April 1935 im Dorf Eisenstein (Špičák) im Böhmerwald geboren. Die Eltern Johann und Maria (geb. Kuchler) waren beide aus Dorf Eisenstein. Die sehr arme deutsche Familie lebte abseit am Fuße des Panzer Bergs (Pancíř), eine Stunde von Eisenstein entfernt. Sie hatten eine kleine Landwirtschaft, die Kinder arbeiteten mit der Mutter auf dem Feld und im Wald. Sie hatten weder fließendes Wasser, nur einen Brunnen, noch Elektrizität, nur Petroleumleuchten. Abends strickte die Mutter und sang mit dem Vater und die Kinder mit ihnen. Eine arme, aber schöne Kindheit. Vor dem Kriegsende, am 20. April 1945, zu Hitlers Geburtstag, erlebten sie die Bombardierung von Eisenstein. Eine Druckwelle zerbarst die Fenster ihrer Hütte und schleuderte Maria und ihre vierjährige Schwester zwei Meter fort. Nach dem Krieg spielten die Kinder im Wald mit verstreuten Waffen und Munition, nach denen man suchte. Zwei ältere Brüder wurden deshalb vernommen und gaben unter Todesdrohungen das Versteck der Waffen preis. Am 17. Juni 1946 wurde die ganze Familie vertrieben. Erst verbrachten sie einen Monat im Lager in Elisenthal (Alžbětín), dann zwei Wochen in Augsburg und ließen sich am Ende in Schwaben nieder. Maria konnten wegen fehlender Mittel nichts erlernen, also arbeitete sie als Mädchen für alles, erst auf einem Bauernhof, später in einer Fleischerei. In ihren Zwanzigern heiratete sie, bekam drei Kinder und richtete sich mit ihrem Mann nach und nach ein schönes Heim ein. Die vertriebene Familie bekam von Staat zu günstigen Raten Grundstück und Haus auf einem ehemaligen Militärgelände. Ihre Heimat besuchte Maria zum ersten Mal 1965. Seit der Öffnung der Grenze fährt sie regelmäßig hin. Sie setzte sich für die Instandsetzung der Kapelle bei Kopeerlhof ein und ließ die Grabsteine aller Großeltern erneuern. Ihr Geburtshaus „Beim kalten Brunnen“ ist eingestürzt, heute erinnern an es nur Obstbäume und der noch plätschernde Brunnen.