Heidrun Kuchler

* 1939  

  • Vater ist am vierundzwanzigsten nach Heuhof gekommen, da hat er sich wohlgefühlt. Die Ernte musste eingebracht werden, es gab niemanden mehr, der es getan hätte. Die Finanzer, also die tschechischen Grenzkontrollen – da sind die alten eingesetzt worden, die nach dem ersten Weltkrieg dagewesen sind. Der Herr Ostrášek, den werden wir nie vergessen. Die haben mit den Familien in den Kasernen in Heuhof gelebt. Bis Neuren ins Geschäft zu kommen, das war ja nicht möglich, sondern sie haben mit den Huhofern gelebt, sie haben dort Brot und Fleisch und Milch bekommen und man hat mit denen bestes Einvernehmen gehabt. Und diese sind wieder eingesetzt worden, mit denen waren wir bekannt, es waren Freunde. Sie haben auch die politische Lage gekannt, sie haben sich mit meinem Vater gut verstanden und sie haben ihm gesagt: „Es wir immer nachgefragt, wir können Sie nicht mehr hier haben.“ Über die Tante ist es wieder gegangen, er soll sich nach Deutschland absetzten, es sei so brenzlich. Dann haben sie Kleidung im Wald deponiert, Vater mit meiner Tante haben getan, als seien sie Schwammerln suchen gegangen und haben in Schwammerlpackerl die Kleidung von meinem Vater genommen, im Wald hat er sie dann angezogen. Es war in September schon. Er ist dann zu einer Multerer-Verwandschaft in Arnschwang. Dort ist er geblieben und hat sich das so organisiert, weil er ja seit den Ostmarkzeiten, seit 1938, ein bayrischer Lehrer war und die Unterlagen dazu in Regensburg lagen, dass er sich halt dort als ein bayrischer Lehrer gemeldet hat.

  • Der Vater ist am 4. September gegangen und wir sind im Heuhof geblieben und sind am 14. November gegangen. Über die grüne Grenze nach Warzenried und da hat der Vater und die Tante Hilde schon organisiert, dass wir auch eine Nacht in Arnschwang bleiben, daran kann ich mich auch noch erinnern. Tatsachlich sind wir über die grüne Grenze gegangen, da hat man uns in den Stoff eingewickelt, den man halt mitnehmen wollte, man hat uns müde gemacht, dass wir über die Grenze… Mit dem Herrn Ostrašek – da hat man geklopft und man hat gewusst, sie gehen in der Richtung, also müssen wir in die Richtung gehen. Von Heuhof, was wir so ein Bisschen mitgekriegt haben, es gab die Potsdamer Vertrage. Mein Vater hat sich keine Illusionen gemacht: „Wir müssen weg, wir müssen weg, für wie lange, das weiß man nicht!“ Und dann ist organisiert worden, was nimmst du mit, was geht über die Grenze. Im Heuhof springt man übers Grenzbacherl und da sind die Bayrischen Hofe, zu denen sind wir zum Teil, verwandt gewesen, da hat man ein Zimmer gemietet und da haben wir die Sachen gebracht.

  • Mein Vater war ein leidenschaftlicher Jäger und hat alte Waffen von seinen Urahnen, besonderes Gewehr halt, nicht abgegeben. Und diese alten Bauernhöfe hatten Verstecke, wo man den Fußboden wegnehmen konnte, es hatte jedes seit Urzeiten gehabt, und dies war halt so ein alter Bauernhof. Und man hat da gesucht und bei der x-ten Dursuchung haben sie das gefunden. Und da haben wir uns alle anstellen müssen. Es hieß die Erwachsenen, vor allem mein Großvater wird erschossen. Und da war wieder meine Tante, die ein Bisschen Englisch konnte und die hat verlangt, dass auch ein Amerikaner zur Stelle kommt und dann ist es abgewendet worden. Also das war auch so eine Sache, die man als Kind nicht verstanden hat. Nur dass man sich nicht rühren durfte und stehen musste. Oder als das Vieh abtransportiert wurde, das haben wir auch erlebt als Kinder. Wir waren zwar in dem Zimmer abgesperrt, aber wir haben durch das Fenster gesehen, wie das alles vor sich ging und dann war das Hof leer.

  • Die Leute aus Ostpreußen, die hatten kurz vorher die Nachricht bekommen, dass ihr Sohn umgekommen ist. Sie haben Tag und Nacht geweint und geschrien. Dann musste meine Mutter, wie auch die Nachbarn, in diesen Bunker, Schutzstelle, Richtung Spitzberg gehen, mit uns Kindern. Und da kamen wir als letzte hin und es war alles gerammelt voll gewesen und meine Mutter hat uns gepackt mit allen Dings und wir sind zurück. Wir haben gerade noch unser Haus erreicht und die alten Leute haben gesagt sie wollen sterben, sie gehen nicht in den Keller mit. Sind aber dann mitgekommen und wir sind alle in den Keller hinein und dann ging das Bombardement aus. Ich weiß, dass es mich an eine Eisentür geschleudert hat und dann weiß ich nichts mehr. Und alle anderen auch nicht. Meine Mutter hat mir dann erzählt, sie war auch bewusstlos und ist dann nach oben gegangen und hat zum Fenster hinausgeschaut. Diese Bombenabwurfstelle war ja Richtung Spitzberg. Sie wollten den Bahnhof treffen und unser Haus hatte auch Beschädigungen am Dach, Fenster, Türen haben geklemmt, es lagen Scherben herum, und so weiter. Dann hat der ganze Rauch und Staub und Dings vom Westen nach Osten, also nach Eisenstein sich bewegt. Mutter hat gesagt: Eisenstein liegt in Schutt und Asche, anscheinend, es ist ein Nebel, man sieht nichts mehr. Ich weiß auch noch, dass es Totenstille war. Ich habe solche Totenstille erst wieder erlebt als Mond(Sonnen?)finsternis war, wo auch kein Vogel gesungen hat, nichts, also totale Stille. Mann hatte kein Zeitgefühl gehabt und nichts. Dann kamen aber Sirenen und fürchterliches Autofahren und Getöne. Es hat sich aber sehr schnell gelichtet und die Tochter kam dann ziemlich bald zurück. Und dort, wo wir bleiben hätten sollen, weil wir wirklich die letzten waren, da hätten uns wirklich auch die Splitter erwischt. Also meine Mutter hatte manchmal wirklich einen siebten Sinn gehabt, dass wir heil davongekommen sind.

  • Celé nahrávky
  • 1

    Neukirchen, SRN, 06.09.2019

    (audio)
    délka: 02:13:13
    nahrávka pořízena v rámci projektu Das vertriebene Gedächtnis des Böhmerwaldes
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Am Anfang empfand ich als belastend, viel Tschechisch zu hören, doch das besserte sich mit der Zeit

Heidrun als junges Mädchen
Heidrun als junges Mädchen
zdroj: pamětník

Heidrun Kucherl wurde am 14. Februar 1939 in Eisenstein (Železná Ruda) geboren, wo sie in der großzügigen „Villa Kuchler“ bis 1945 lebte. Die Mutter Maria kam von einem prosperierenden Bauerngut aus Heuhof (Sruby). Der Vater Alois war Bürgerschullehrer und von April 1944 bis Mai 1945 eingesetzter Bürgermeister von Eisenstein. Nach der Bombardierung von Eisenstein flüchtete die Mutter mit den Kindern zu den Großeltern nach Heuhof und im November 1945 die ganze Familie über den Grenzbach nach Bayern. Es folgten die „schlimmsten Jahre“, in ständiger Existenznot und Unsicherheit. Der Vater wurde dem Denazifizierungsprozess unterzogen und beide Eltern arbeiteten für Bauern. 1947 erhielt der Vater eine Lehrerstelle in Metten. Später zog die Familie nach Straubing, wo Heidrun bis heute lebt. Alle Geschwister wurden Pädagogen, Heidrun wurde Berufsschullehrerin, obwohl sie von einem Beruf im Gesundheitswesen geträumt hatte. In einer Therapie arbeitete sie ihre traumatisierenden Erinnerungen aus der frühen Kindheit auf und erlebt in den 90er Jahre ihren ersten Besuch im Böhmerwald sehr emotional. Sie engagierte sich bei der Neueinweihung und Restaurierung der Familienkapelle in Eisenstein, hält zu Tschechen aber stets Distanz.