Leo Schön

* 1937

  • „Und ich wusste in etwa, wie man hinübergehen muss. Nur in der Nacht um zehn, wenn es dunkel war, hat der Wald ganz anders ausgeschaut. Und dann war der 10-Meter-Streifen. Ich hatte nur ein Rucksäckchen, wo ich Unterwäsche darin hatte, ein paar Schuhe, eine Blockflöte habe ich mitgenommen. Ich habe gedacht, wenn ich wirklich gar nichts mehr habe, dann spiele ich Flöte und schaue, dass ich eine oder zwei Mark kriege. Und ich hatte ein Hemd und einen Pullover. Und das war das Ganze, wie ich in den Westen kam. Und dann habe ich mich in der Nacht um zehn über den 10-Meter-Streifen (begeben), der schon dort war, dann sind immer die Grenzer mit den Hunden gelaufen. Und die Hunde haben immer die Spuren gesichert und das Bellen angefangen und haben immer geschaut, in welche Richtung die Leute gingen. Und ich bin ganz schnell hinüber in den Westen (gelaufen) und bin nach Rottenbach, in das Dorf, (gekommen). Und dann hat im ersten oder zweiten Bauernhof, das weiß ich nicht mehr, noch Licht gebrannt. Ich habe einfach an die Scheibe geklopft, eine alte Frau kam hinaus. ,Was willst du?´ Und ich habe gesagt, ob ich im Heu schlafen kann, dass ich nach Rohr möchte. Ich wusste ja nicht, wo Rohr ist, ich hatte überhaupt keine Ahnung. Und dann hat sie gesagt: ,Ja, komm rein.´ Dann durfte ich mich auf eine Couch setzen, auf eine Ledercouch, und ich konnte in der Früh mit dem Milchauto nach Coburg fahren. Und dann war ich in Coburg, dann bin ich auf den Bahnhof gegangen. Ich hatte zwanzig Westmark, mehr hatte ich nicht.“

  • „Wir hatten ja keinen Kalender, ich hatte auch keine Uhr, wir hatten keine Uhr, die wurde abgenommen. Und wir waren in dem Viehwagon und man hatte immer vorne und hinten das Gepäck und die Leute saßen in der Mitte. Und die saßen oft am Boden. Und ich durfte auf das Gepäck daraufsteigen und da war dieses kleine Guckfenster mit den Sprossen und da bin ich immer davor gesessen und habe gesagt: ,Jetzt fahren wir am Kartoffelacker vorbei, jetzt fahren wir an dem Acker vorbei, jetzt kommt ein Wald.´ Und ich habe das immer hinuntergerufen. Aber wie lange das war, ich weiß es nicht. Und dann kamen wir nach Demmin, Mecklenburg-Vorpommern, alles wurde ausgeladen und wir kamen in eine Reiterkaserne und die hatten einen großen Pferdestall. Dann waren wir, 400 Personen, in dem Pferdestall. Unten eine Reihe Betten, oben eine Reihe Betten, auf jeder Seite immer für 100 Leute, zweimal, also 200 Leute, 400 Leute. Und dann mussten wir immer schauen, wir haben zwei Stück Brot gekriegt und eine Wassersuppe.“

  • „Und als ich im Garten war, so schätze ich eins, halb zwei, kam ein LKW, auf dem sechs, sieben Partisanen saßen. Und die wollten bei der Gartentür hinein, die war zugesperrt. Dann haben sie mit ihren MGs (Maschinengewehr) in die Luft geschossen. Ich bin hinten über den Zaun geklettert. Ich konnte schon als Kind immer gut die Zäune übersteigen, weil meine Mutter mich immer im Garten eingesperrt hat und ich bin immer abgehaut. Und dann bin ich sofort in die Ziegelei gerannt. Dann stand sie (die Mutter) schon beim Verwalter, beim ,správce´. Und der hat ihr gesagt, wir müssen aus dem Haus hinaus. Und dann ist meine Mutter mit mir die dreieinhalb Kilometer auf Ölberg gelaufen. Und die Partisanen standen vor dem Gartentor. Meine Mutter hat aufgesperrt und sie haben uns reingeschoben. Und dann haben sie gesagt, 30 Minuten, 25 Kilo. Und wir wussten nicht, wir waren ja nicht vorbereitet, wir haben ja nicht gedacht, dass wir aus dem Haus vertrieben werden. Und dann ist meine Mutter mit mir auf den Dachboden gegangen, dort hatte sie meinen Kinderwagen stehen. Und wir haben zu zweit den Kinderwagen hinunter geholt, den hat sie vor den Wäscheschrank gestellt. Sie hat die Bettwäsche und was man an teureren Sachen hatte, in den Kinderwagen gegeben. Dann kam immer ein Partisan vorbei und hat den Kinderwagen hochgehoben. Und wenn er mit dem Kopf geschüttelt hat, dann waren es noch keine 25 Kilo. Das war natürlich nicht gewogen, das war intuitiv. Und als er dann wieder hochgehoben hat und er hat genickt, dann mussten wir aufhören, die Wäsche hineinzugeben. Dann hat mir meine Mutter zwei, drei Hemden angezogen, zwei Pullover, einen Wintermantel. Das war im August, sehr heiß. Und sie hat mir zwei Hosen angezogen, Schuhe, weil das nicht zu den 25 Kilo gezählt hat. Und dann sind wir innerhalb von einer halben Stunde aus dem Haus verjagt worden. Und wir standen auf der Straße.“

  • Celé nahrávky
  • 1

    Bad Kissingen, 12.07.2025

    (audio)
    délka: 01:17:19
    nahrávka pořízena v rámci projektu Příběhy regionu - HRK REG ED
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Mit 14 Jahren packte er eine Flöte in seinen Rucksack und überquerte nachts die Grenze in den Westen

Leo Schön in 2023
Leo Schön in 2023
zdroj: Witness´s archive

Leo Schön wurde am 7. Juni 1937 in Olivětín bei Broumov als Einzelkind geboren. Seine Mutter, Eleonora Schön, geborene Bisko, war Weberin und sein Vater, Josef Schön, arbeitete als Kupferschmied und LKW-Mechaniker. Mein Großvater mütterlicherseits, ein Kanonier, stammte aus Norditalien. 1939 wurde mein Vater in die deutsche Armee eingezogen. Er wurde 1944 im heutigen Weißrussland getötet. Leo Schön besuchte ab 1943 eine deutsche Schule in Broumov und erlebte dort Luftangriffe. Im Mai 1945 versteckten er und seine Mutter sich auf dem Dachboden vor sowjetischen Soldaten. Im August 1945 wurden sie im Rahmen eines heftigen Exodus aus ihrem Haus vertrieben und fanden Zuflucht im Haus ihrer Großeltern in Benesov bei Broumov. Im August 1946 mussten sie in das Sammellager in Mezimesti und dann mit einem Transport in ein Lager in Demmin, Deutschland, und mit einem Boot in das Lager in Anklam. Sie lebten in Eisfeld in Thüringen in der Grenzzone. Im Jahr 1951 flohen sie nachts nach Westdeutschland in ein Kloster in Rohr, wo sich die Benediktiner von Broumov niederließen. Dort absolvierte er das Gymnasium. Im Jahr 1966 lernte er seine zukünftige Frau kennen. Er arbeitete dreißig Jahre lang für das Chemieunternehmen Höchst und reiste auch geschäftlich in die Tschechoslowakei. Im Jahr 2025 lebte er in Gersthofen bei Augsburg.