Caritas Führer

* 1957

  • „Und im September merkte man schon, dass in Leipzig etwas los war, und dass es Veränderungen gab. 1984 waren wir in einem Jugendgottesdienst in der Nikolaikirche. Ich war hochschwanger mit dem ersten Kind. Und als wir rauskamen aus dem Gottesdienst, also im Gottesdienst wurde schon gesagt: ,Ihr geht alle einzeln, auch wenn das jetzt zwei Stunden dauert. Ihr dürft nicht in Gruppen rausgehen, sonst werdet ihr verhaftet. Ihr verstreut euch sofort draußen. Keiner nimmt Kerzen mit. Keiner zeigt lila Tücher oder irgend so was.´ Das waren manchmal Zeichen damals. Also wir kriegten schon in der Kirche Instruktionen, wie wir die Kirche verlassen sollen. Und da habe ich Angst gekriegt wegen der Schwangerschaft und habe gedacht, wer weiß, was draußen los ist. Und wir sind eher gegangen, vielleicht zehn Minuten eher. Und als wir rauskamen, sahen wir, dass überall diese Überfallwagen standen, mit den Pritschen, wo Leute, die verhaftet wurden, darauf mussten. Und Wasserwerfer standen dort. Und mein Mann hat mich fest bei der Hand genommen, und wir sind in die nächste Seitenstraße schnell weggegangen.“

  • „Aber ich habe einmal erlebt, das war noch in der ersten Klasse, dass alle Kinder aufstehen sollten, die in die Christenlehre gehen. Wir waren sechs Kinder in der Klasse, die das betraf. Wir sind alle aufgestanden. Ich war gespannt, weil ich genau das dachte, dass die Lehrerin gerne wissen möchte, was wir machen. Ich hätte ihr das gerne erzählt. Aber es kam völlig anders. Sie hat zu den anderen Kindern gesagt: ,Guckt euch diese Kinder genau an, die sind rückständig. Die gehen noch mit ihren Eltern in die Kirche. Die glauben noch an Gott. Aber junge Pioniere wissen, dass es das alles nicht gibt. Das ist alles Quatsch. Deswegen dürft ihr die jetzt mal so richtig auslachen.´ Dann haben die Klassenkameraden, vielleicht nicht alle, aber sie haben uns ausgelacht, verhöhnt. Und das hat mich tief getroffen.“

  • „Und in dieser Zeit war ich in der Schule, bin ich in das Klassenzimmer gekommen und eine andere Klasse, eine 7. Klasse, hatte eine Wandzeitung gestaltet. Und ich bin an dieser Wandzeitung stehen geblieben, weil dort ein Zeitungsartikel hing und da stand sinngemäß, ich kann das nicht mehr ganz konkret sagen, aber sinngemäß stand dort, in der Deutschen Demokratischen Republik darf jeder Schüler nach seinen Fähigkeiten und Begabungen lernen und sich entfalten. Und das habe ich gelesen und habe gedacht, das ist eine Lüge. Meine Schwester darf das nicht. Und dann habe ich laut gerufen: ,Das ist eine Lüge, was hier steht!´ Und dann habe ich den Artikel abgerissen. Ich habe mir das nicht überlegt vorher, das war einfach so ein Impuls. Ich war so aufgebracht über diese Ungerechtigkeit. Und dann sind noch andere Schüler gekommen und haben auch noch Artikel abgerissen. Damit hatte ich nichts mehr zu tun, aber es wurde mir dann angelastet. Und darauf ist eine Lawine losgegangen in der Schule. Das wurde also entdeckt. Unsere Klasse wurde gefragt, wer das war, wer das gemacht hat. Ich habe mich gemeldet und ich habe gedacht, dass ich das alles erklären kann. Ich habe das gemacht für meine Schwester. Ja, ich war zehn, ein Kind. Und die Lehrerin hat das anders gesehen. Und sie hat gesagt, dass ich die anderen angestiftet habe, dass wir das politische Bekenntnis der Klasse sieben zerstört haben. Auf diese Ebene hat sie das schon gehoben. Und dann musste ich zum Verhör, es war ein richtiges Verhör, wie man es aus der Literatur kennt, ins Direktorenzimmer.Und da saßen auch zwei Leute von der Stasi, zwei Männer. Meine Klassenlehrerin, die beiden Direktoren und ich. Und dann haben die mich auch ins Kreuzverhör genommen. Also sie haben von verschiedenen Seiten Fragen. Wer hat dich dazu angestiftet? Welche Zeitung haben deine Eltern? Habt ihr eine Kirchenzeitung? Lest ihr das Neue Deutschland? Also von allen Seiten, wie das so eine Taktik ist. Die haben das so lange gemacht, bis ich einfach geweint habe und nichts mehr geantwortet habe.“

  • Celé nahrávky
  • 1

    Praha, 06.06.2025

    (audio)
    délka: 02:57:34
    nahrávka pořízena v rámci projektu Stories of 20th Century
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Im sozialistischen Schulsystem erlebte sie Angst und Demütigung, heute schreibt sie darüber

Caritas Führer in 2025
Caritas Führer in 2025
zdroj: Post Bellum

Caritas Führer, geborene Böttrich, wurde am 25. März 1957 in Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) in der Deutschen Demokratischen Republik als Tochter des evangelisch-lutherischen Pfarrers Albert Böttrich und seiner Frau Annelies Böttrich geboren. Sie hatte vier ältere und ein jüngeres Geschwisterkind. Da sie kein Mitglied der Pionierorganisation und der FDJ (Freie Deutsche Jugend) war, konnte sie weder ihr Abitur ablegen noch studieren. Sie absolvierte vierjährige Ausbildung in dem „VEB Staatliche Porzellanmanufaktur in Meißen“ und wurde Porzellangestalterin/Bossiererin. Sie arbeitete bis 1980 in dem Unternehmen, dann widmete sie sich ein Jahr lang der Sozialarbeit mit Kindern in Zwickau, wo sie ihren zukünftigen Ehemann Dr. Michael Führer, damals den Studenten der Theologie, kennenlernte. In der Porzellanmanufaktur war sie Mitglied eines „Zirkels schreibender Arbeiter“. Über die kirchliche Gemeinde hatte sie auch Kontakte zu Gläubigen aus der BRD, ihre älteste Schwester emigrierte nach Schweden. In Leipzig absolvierte sie Fernstudium am Literaturinstitut „Johannes R. Becher“. Der Großcousin ihres Mannes Christian Führer war Pfarrer in der Nikolaikirche in Leipzig, die in den 1980er Jahren zum zentralenTreffpunkt der oppositionellen Gruppen wurde. Sie bekam nach und nach zwei Söhne und hielt sich deshalb von den Demonstrationen fern. Im September 1989 zogen sie nach Zschopau im Erzgebirge, wo ihr Mann Pfarrer wurde. Dort erlebten sie die den Regimewechsel. Nach der Wende reisten sie viel, organisierten humanitäre Hilfe für Rumänien und adoptierten einen dritten Sohn. Sie begann ihre Texte zu veröffentlichen. In 1998 erschien ihr erstes Buch „Montagsangst“ über ihre Erlebnisse mit dem sozialistischen Schulsystem. Seit 2000 ist sie hauptberuflich als Schriftstellerin tätig. Im Jahr 2025 lebte sie in Dresden.