Sieglinde Birke

* 1934

  • „Das war auch sehr schlimm, wir sind nach Wolfen gekommen und von dort sind wir verteilt worden, wir waren fünf Kinder und wir hatten noch die Großmutter dabei. Und wer sollte schon sieben Personen aufnehmen, das war nicht einfach, uns wollte keiner haben und wir waren die allerletzten. Wir sind damals in eine Schule gekommen, in dem Klassenraum stand ein kleines Eisenöfchen und das war in der Mitte geplatzt, man konnte immer die Glut sehen und da war ein öliger Fußboden, der hat erstens ganz schlecht gerochen und war so klebrig und wir hatten keine Betten, jedenfalls haben wir da ziemlich lange leben müssen. Alle Vertriebenen wurden in Wohnungen zwangseingewiesen manchmal, aber uns hat der Bürgermeister in eine Kellerwohnung stecken wollen, wir haben das besichtigt und da lief das Wasser die Ziegelsteine runter und meine Mutter hat gesagt, sie geht nicht rein mit ihren Kindern, weil meine Schwester TB gefährdet war, die nahm schon jeden Tag Lebertran und wir waren sehr lange in der Schule.“

  • „Die Tschechen bekamen Kohle von Polen und da waren wir auch drin. Ich glaube, das war damals, als wir das erste Mal im Lager waren und das war ganz furchtbar. Das waren offene Kohlenwaggons und mein Bruder, der war im Kinderwagen und wir hatten überhaupt nichts zu essen, auch nichts zu trinken. Die Polen haben uns nicht angenommen. Wir standen drei Tage und drei Nächte an der Grenze. Und dann kamen vom Roten Kreuz und haben jedem, der ein kleines Kind hatte, ein Stückchen Sand- oder Rührkuchen geschenkt.Aber das konnten wir meinem Bruder Stefan nicht füttern, weil wir ja kein Wasser hatten. Und dann hat man gesagt, da auf der Wiese, ein ziemlich weites Stück weg, da ist so ein Graben in der Wiese und da wäre Wasser. Und sie haben mich gebeten, dass ich da hingehe und mit einem Becher von einer Thermosflasche, die jemand hatte, sollte ich Wasser holen. Alle hatten Angst, aber ich habe mich dann doch überreden lassen, weil sie gesagt haben, die Russen und auch die, jetzt weiß ich nicht, wer da alles war, die würden auf kein Mädchen schießen, ich hatte lange blonde Zöpfe. Ich habe mich überreden lassen, bin hingegangen und habe den Becher voll Wasser gebracht. Und meine Mutter hat mit einem kleinen Spirituskocher den Kuchen drin aufgelöst und der Stefan musste drei Tage davon leben, sonst wäre er gestorben, weil wir überhaupt nichts hatten.“

  • „Es war dann so, dass als die Vertreibung losging, da kam ein Tscheche mit einem Maschinengewehr ins Haus und hat gesagt: ,In zwanzig Minuten müsst ihr das Haus verlassen!´ Wir konnten den Rucksack reingeben, was reinpasste, und dann hat meine Mutter gesagt, in 20 Minuten, das schafft sie nicht, weil ich noch ein Brüderchen hatte, der im Februar 1945 geboren war. Sie hat gesagt, das schafft sie nicht, sie musst ihn noch füttern und wickeln. Er (der Tscheche) hat sich hingestellt und hat schon mal die Schubladen aufgemacht, hat von meinem Bruder eine Mundharmonika gleich in die Tasche gesteckt und der Siegfried, der hat geschrien wie am Spieß: ,Gib mir meine Mundharmonika wieder!´ Ich dachte, er bringt ihn um, aber das war schon sehr schlimm.“

  • Celé nahrávky
  • 1

    Bad Kissingen, 13.07.2025

    (audio)
    délka: 01:10:34
    nahrávka pořízena v rámci projektu Příběhy regionu - HRK REG ED
Celé nahrávky jsou k dispozici pouze pro přihlášené uživatele.

Sie fuhr im Sommerkleid und nur mit einer Handtasche nach West-Berlin und kehrte nie zurück.

Sieglinde Birke bei Dreharbeiten im Jahr 2025
Sieglinde Birke bei Dreharbeiten im Jahr 2025
zdroj: Paměť národa

Sieglinde Birke wurde am 7. Juli 1934 in Teplice nad Metují (Wekelsdorf) als zweitälteste von fünf Kindern geboren. Ihr Vater Stefan Branse arbeitete bei der Eisenbahn und ihre Mutter Gisela Branse war Hausfrau. Ihr Vater wurde 1939 zur deutschen Armee eingezogen, wo er als Dolmetscher für Ungarisch tätig war. Der Onkel ihrer Mutter, Heinrich Purmann, besaß eine Schuhfabrik und war von 1919 bis 1932 Bürgermeister der Gemeinde. Sie erlebte Ende Mai 1945 die wilde Vertreibung. Drei Tage und Nächte verbrachte sie in einem Kohlewaggon an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze, bevor die Polen sie zurückschickten. Im Juli 1946 mussten sie sich in einem Lager in Meziměstí (Halbstadt) melden und wurden in Viehwaggons in die damalige Ostzone Deutschlands deportiert. Dort besuchte sie die Grundschule und absolvierte eine Ausbildung zur Lebensmittelverkäuferin. 1953 fuhr sie mit der Straßenbahn in den westlichen Teil Berlins und gelangte über mehrere Flüchtlingslager zu ihrem Onkel nach Solingen in Westdeutschland, wo sie als Verkäuferin arbeitete. Später emigrierte auch der Rest ihrer Familie nach. 1959 heiratete sie den Sudetendeutschen Gerhard Birke und bekam nach und nach die Söhne Odo und Reiner. Sie reiste mit ihrem Mann um die Welt und fuhr oft nach Teplice nad Metují. Im Jahr 2025 lebte sie in Hüttenberg.