Následující text není historickou studií. Jedná se o převyprávění pamětníkových životních osudů na základě jeho vzpomínek zaznamenaných v rozhovoru. Vyprávění zpracovali externí spolupracovníci Paměti národa.

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Anette Neff (* 1963  )

Die wussten natürlich, dass wir Familie hatten und nicht nur Touristenbesuch machten

  • Geboren am 25. Februar 1963 in eine sprendlinger (Hessen) Familie
  • Leistungsturnerin bis sie 17 war, Abitur mit 19 und Beginn des Studiums
  • Als Kind stetige Familienbesuche in Mähren zur Zeit des Eisernen Vorhangs
  • Konflikte an der Grenze und in Tschechien aufgrund der deutschen Staatsangehörigkeit
  • 1989 Wendepunkt in der Familie, da Familienbesuche einfacher und häufiger wurden
  • Bis heute regelmäßige Besuche in der alten Heimat
  • Arbeitet als Historikerin
  • Geboren am 25. Februar 1963 in eine sprendlinger (Hessen) Familie
  • Leistungsturnerin bis sie 17 war, Abitur mit 19 und Beginn des Studiums
  • Als Kind stetige Familienbesuche in Mähren zur Zeit des Eisernen Vorhangs
  • Konflikte an der Grenze und in Tschechien aufgrund der deutschen Staatsangehörigkeit
  • 1989 Wendepunkt in der Familie, da Familienbesuche einfacher und häufiger wurden
  • Bis heute regelmäßige Besuche in der alten Heimat
  • Arbeitet als Historikerin

 

Anette Neff

 

Die wussten natürlich, dass wir Familie hatten und nicht nur Touristenbesuch machten

 

„Väterlicherseits stammt meine Familie aus Mähren, aus Südmähren, und war eine deutsche Familie in einem deutschen Dorf, wo nur sehr wenige Tschechen lebten. Aber in meiner Familie war es nicht unüblich sich mit Tschechen zu verheiraten. Dadurch kam es dazu, dass ein Teil der Familie im Winter 45/46 gehen musste. Wir gehörten zu den letzten Familien, die überhaupt ausgewiesen worden sind in der Gegend. Wir hatten auch schon zwei Überfälle überlebt, Versuche sie wegzubringen, und ein Teil der Familie musste bleiben.“Anette Neff wurde am 26. Februar 1963 geboren und stammt aus einer Familie, die überwiegend aus Arbeitern und Handwerkern bestand und in Dreieich-Sprendlingen (Hessen) beheimatet ist. Bereits in jungen Jahren musste sie im elterlichen Betrieb, ein Gartenfachgeschäft, Tätigkeiten wie das Rechnungswesen übernehmen. Sie betrieb Leistungsturnen bis sie 17 Jahre alt war, absolvierte mit 19 Jahren ihr Abitur und zog von zu Hause aus. Heute arbeitet Anette Neff als Historikerin und lebt in Darmstadt. Die Familie ihrer Mutter stammt aus Dreieich in Hessen und ist dort verwurzelt. Ihre Familie väterlicherseits jedoch stammt aus dem Ort Dačice (deutsch Datschitz) in Mähren und wurde dort im Winter 1945/46 ausgewiesen. Ein Teil ihrer Familie wurde nicht vertrieben und lebt heute im Nachbarort Jemnice. Die Zeit des Kalten Krieges und des Eisernen Vorhangs spielte in der Familiengeschichte Anette Neffs eine wichtige Rolle.

 

Probleme als Deutsche in Tschechien

„Es ist halt so, dass mein Onkel Schwierigkeiten hatte, weil er deutschstämmig ist. [...] Aber wenn man natürlich dahin kam ist man zum Teil, wenn man Deutsch gesprochen hat, an der Grenze nicht gut behandelt worden. Man ist nicht unbedingt gut behandelt worden auf der Polizei und viele Leute in der Öffentlichkeit haben, also wenn ich ohne die Oma unterwegs war in Jemnice oder irgendwas gesucht habe, wenn ich mal gefragt habe jemanden: ‚Sprechen Sie Deutsch? Ich suche Das und Das’, in der Regel eher keine Auskunft bekommen habe. Das hat sich rapide 1990 geändert. Dann konnten sie plötzlich alle wieder Deutsch.“

Der Teil der Familie, der in Mähren blieb, bekam ihre Deutschstämmigkeit stetig zu spüren. Nicht nur die deutsche Zugehörigkeit war eine große Belastung in der Familie, auch der Eiserne Vorhang an sich wurde als schwieriger Punkt gesehen. An der Grenze spürte sie am eigenen Körper wie streng diese bewacht wurde. Erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wurde es für die Familie einfacher, mit ihren deutschen Wurzeln offener umzugehen.

 

Familienbesuche - Grenzübertritte

„Die Grenze war wirklich etwas, was uns was genommen hat. Die Grenzerfahrung selbst, der Übertritt, war schrecklich. Dieses...die haben regelmäßig unser Auto auseinander genommen. Die wussten natürlich, dass wir Familie hatten und nicht nur Touristenbesuch machten.“

Nicht nur an den Grenzübertritt hat sie lebhafte Erinnerungen. Durch die Besuche als Kind im Heimatort ihrer Familie, der sehr nah an der tschechisch-österreichischen Grenze lag, erinnert sich Anette Neff ebenfalls sehr gut daran, wie diese aufgebaut war. Sie beschreibt eindrücklich welche Gefühle sie dabei hatte, wenn sie die scharf bewachte Grenze sah:

„Da standen wirklich alle paar Hundert Meter ein Wachturm und sie war nicht minder abschreckend wie die andere Grenze und meine Abneigung dagegen ging bis zur körperlichen Übelkeit. Also wenn ich die gesehen habe wurde mir wirklich immer wieder schlecht. Wenn man dann einfach die Jeeps gesehen hat die da langgefahren wurden, das waren natürlich keine Jeeps, irgendein Lada oder sonstiges Gefährt. Wenn man die scharfen Schäferhunde gesehen hat die da lang geführt worden sind. Und wir haben sie relativ häufig gesehen, weil es so grenznah war. Das war kein schöner Anblick.“ Die Familie litt ständig unter der physisch vorhandenen Grenze, da spontane Besuche zu wichtigen Ereignissen (wie Beerdigungen von Familienangehörigen) nicht möglich waren. In den Köpfen der Familie hat eine Grenze aber nie bestanden: „Ne, also die Grenze war für uns als Familie wirklich nur ein Zustand, der überwunden werden musste. Das hat uns nicht getrennt, zumindest von meinem Gefühl her [...].“

Für Anette Neff hat die Grenze die Familie nie entzweit. Auch wenn Besuche nicht möglich waren, so empfand sie die Spaltung auf emotionaler Ebene nicht. Selbst heute, da die Grenze geöffnet ist, fühlt sie sich der tschechischen Familie stark verbunden. Der einzige Unterschied zu den ehemaligen Besuchen liegt in den vereinfachten Reisebedingungen, die allerdings erst nach der Grenzöffnung möglich waren.

 

Nach der Grenzöffnung

Das wichtigste Ereignis für die Familie war die Öffnung der Grenze zwischen der damaligen Tschechoslowakei und Österreich 1989. Ihre Verwandtschaft nutzte die neuen Umstände  und reiste nach Westeuropa. Ein Teil ihrer deutschsprachigen Familie wurde nach der Grenzöffnung für Dolmetscherdienste herangezogen, um zwischen den tschechischen und den österreichischen Behörde zu vermitteln. Seit den Ereignissen von 1989 konnte die Familie nun ohne Schwierigkeiten reisen, womit die Familientreffen häufiger und länger wurden. „Ich selbst war noch mal zu einem längeren Aufenthalt mit meinem späteren Mann dort. Das war dann auch schon erst 95. Vorher waren es sozusagen immer zu Kurzbesuchen. Aber zum langen Aufenthalt auch mit richtig viel Zeit um miteinander zu verbringen. Also 14 Tage war ich dann mit meinem späteren Mann da [...].“

 

Der Eiserne Vorhang hatte die Familie über Jahrzehnte hinweg getrennt und belastet. Ohne die stark bewachte Grenze erlebt die Familie nun eine neue Art von Freiheit, die vor über 20 Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre. Die Erfahrungen, die die Familie von Anette Neff machen musste, haben viele deutsch-tschechische Familien zur Zeit des Bestehens des Eisernen Vorhangs erlebt. Die Ereignisse, die auf das Jahr 1989 folgten, führte die Familie nun auch physisch wieder zusammen.

 

Martin Wolf

 

Dieses Interview wurde im Rahmen des Projektes „Die biografische Erfahrung des geteilten Europa“ der Johannes Gutenberg-Universität Mainz von Martin Wolf am 23.07.2013 in Darmstadt geführt.

 

 

 

 

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