Následující text není historickou studií. Jedná se o převyprávění pamětníkových životních osudů na základě jeho vzpomínek zaznamenaných v rozhovoru. Vyprávění zpracovali externí spolupracovníci Paměti národa.

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Maria Miksch (* 1931  )

Manchmal denk ich, ich habe viel Glück gehabt. Viel, viel Glück gehabt.

  • wurde am 2. 4. 1931 in Groß Krosse (Velká Kraš) geboren
  • Eltern - Johann und Emma Pache
  • hatte zwei ältere Schwestern – Elisabeth und Margarete
  • am 22. September 1938 hat sie das Schießen bei der Vertreibung der tschechischen Beamten von den Freikorps gehört – unter der Bank versteckt
  • nachfolgende Evakuierung der Kinder und Frauen zu der Ostsee miterlebt
  • die Zeit des Krieges war nicht leicht – Geldstrafen, Abgaben und „man konnte niemandem Trauen“
  • 7. November 1944 – auf dem Himmel haben sie die Bombardierung von Breslau (Vratislav) beobachtet
  • Januar 1945 – die Familie hat mehrere Flüchtlinge, die aus Oberschlesien kamen, übernachten lassen
  • 27. Januar kam Flüchtlingsfamilie Scherle, die Frau war hochschwanger und es kam bei Pache im Haus der kleiner Hans zur Welt
  • Einritt der russischen Soldaten ins Dorf am 8. Mai 1945
  • nach dem Krieg haben einen tschechischen „Správce“ im Hof bekommen der die ganze Ernte verkauft hat und dann verschwunden ist
  • Schwester Margarete musste zur Zwangsarbeit nach Bořitov - ist auf einem Fahrrad geflohen und wurde am dritten Tag von der Polizei verhaftet
  • Margarete kam nach Mährisch Schönberg (Šumperk) ins Gefängnis
  • neuer „Správce“ hat das ganze Haus beschlagnahmt – sie mussten zur Oma ins Ausgedinge-Haus
  • 30. Juli 1946 - in die MUNA in Niklasdorf (Mikulovice) verfrachtet worden
  • in Prag wurde der Transport mit Flaschen beworfen
  • ersten Jahre in der neuen Heimat schwierig
  • bei einer Messe in der Kirche in Röttingen hat sie der Pfarrer als Schutt bezeichnet
  • 1946-1948 – besuchte sie eine hauswirtschaftliche Berufsschule
  • die Zeit mit Theater spielen vertreibt – haben eine Mädchen Theatergruppe gegründet
  • erlernte Pelznäherin in Ochsenfurt, aber konnte keine Arbeitsstelle finden
  • fand später eine Stelle in einer Näherei in Ochsenfurt
  • im Oktober 1956 heiratete sie Paul Miksch, der auch Heimatvertriebene war und aus der Stadt Schluckenau (Šluknov) stammte
  • hat drei Töchtern – Hannelore, Claudia und Martina
  • eine Reise in die Heimat hätte sie jetzt nicht nervlich verkraftet

Maria kam am 2. April 1931 in Groß Krosse (Velká Kraš) bei Weidenau (Vidnava) zur Welt. Ihre Eltern Johann und Emma Pache heirateten am 27. August 1921 in Weidenau und zwei Jahre später ist ihre erste Tochter Elisabeth geboren. Leider hat sie der Arzt für tot gehalten. „Die ist bei der Geburt verpfuscht worden. Da hat der Arzt gesagt: Die ist ja Tod! Hat sie auf die Seite gelegt. Meine Großmutter die  hat so einen Schock gekriegt. Ist sie dann hin und hat sich über das Kind gebeugt… Das Kind hat auf einmal die Augen aufgeschlagen. Da hat die Oma schreien angefangen: Das Kind lebt noch! “ Sie bekam nicht genügend Sauerstoff. Ihr Gehirn war beschädigt. Damals gab es keine Brutkasten, dann haben sie ihr die Beinchen in die Röhre zum aufwärmen gelegt. Sie konnte später nicht gehen und sprechen. Einen Monat vor Marias Geburt, an ihrem achten Geburtstag, ist sie verstorben. Vor dem kam im September 1923 noch Margarete zu Welt.

Der Vater Johann war Landwirt und Zimmermann. Die Familie besaß einen Hof, der in der Mitte des Dorfes stand, westlich von der Kirche gelegen. Die Felder hatten 6 ha und im Jahr 1922 wurde ein Ausgedinge-Haus für die Großeltern gebaut.

Die Schulzeit

Zuerst ist sie in die Volkschule in Groß Krosse und später von dem Jahr 1941 nach Weidenau gegangen. Im Jahr 1945 hat sie, wie alle, abbrechen müssen. Maria bedauert, dass die Schicksalsschläge sie um eine richtige Bildung beraubt haben. Nach einer Lungenentzündung im Jahre 1937 war sie oft krank.

Im November 1942 ist Maria durchgefroren. Sie musste einen Waldspaziergang mit den Turnschuhen im nassen Schnee absolvieren, darum hatte sie nasse Strümpfe, dann war noch Unterricht und noch am Nachmittag musste sie im kalten Kino ein Pflicht-Kadettenfilm anschauen. Auch wenn sie sich in der Zwischenzeit umgezogen hatte, war es für ihren Körper sehr anstrengend. „Sei diesem Zeitpunkt war ich krank.“ Darum war sie für 8 Monate in einer Lungenheilanstalt in Oberschar bei Olbersdorf (Město Albrechtice). Erst diese lange Kur hat ihr geholfen.

In Weidenau in der Schule ist schon oftmals passiert, dass sie wegen Bombenalarm früher nach Hause gingen. „Wenn wir in der Schule waren und die Bomber von der Royal Air Force sind über uns weggeflogen, wenn Voralarm kam, mussten wir sofort unsere Bücher zusammenpacken. Und mussten in kleinen Grüppchen heim gehen. Bis der Voralarm dar war mussten wir schon alle aus dem Schulhaus wieder draußen sein.  Da haben wir oft so zu sagen die Schule verlassen müssen. Wenn die über uns gekreist sind, die haben aus dem Flugzeug raus geschossen, wenn sie irgendwelche Leute gesehen haben. Also das war eine ganz kritische Zeit. Die sind damals nach Oberschlesien immer geflogen – Kattowitz (Katovice), Beuthen - dieses Kohlegebiet, das jetzt Polen ist.“

Terror in Weidenau und Groß Krosse

Die Destabilisierung der Tschechoslowakei sollte im September 1938 eine paramilitärische Einheit der Nationalsozialisten, die sich Freikorps nannte (oder auch Freischärler), bewirken. Es kam zu mehreren Terroraktionen im Grenzgebiet. Zu blutigen Kämpfen kam es auch in Weidenau und das schon am Mittwoch den 22. September 1938 - eine Wochen vor dem Münchner Abkommen, nach dem das tschechische Grenzgebiet, wo mehrheitlich deutsche Bevölkerung lebte, zu Deutschland angeschlossen wurde. Tschechische Beamte, Finanzen, Gendarmen, Grenzposten und ihre Familien mussten das deutsche Gebiet nach zwanzig Jahren verlassen.

Die Freikorps haben die Beamten weggetrieben. Im Postamt kam es zum Kampf, der zwei tschechische Finanzer das Leben kostete (Josef Novák und František Pospíšil) und einen Weidenauer, Alfred Fitz. In Groß Krosse kam es zu einer brutalen Kollision der fliehenden Tschechen und der Freikorps. „Fuhr ein Zug verkehrt rum von Haugsdorf (Hukovice) nach Weidenau in einem Affenzacken und für uns in Krosse war das irgendwie – was passiert jetzt? Und ha hat es dann schnell geheißen die Tschechen wollen sich auf den Weg machen, die wollen fort. Die haben dann in Weidenau alles eingepackt und haben dann auf dem Weg, von Weidenau raus, haben sie aus den Wagons geschossen. Da wurde auch ein Junge mit 11, 12 Jahren verletzt. In Krosse haben sie in der Zwischenzeit einen Bretterwagen mit Steinen beladen und über die Gleise gestellt. Und wie der Zug kam hat es ihn natürlich blockiert. Und dann ging die Schießerei an.“ Es kam zu einer Explosion einer Handgranate im Wagon, den Werfer hat es getötet und mehrere waren verletzt. Die Tschechen, die konnten, flohen Richtung Jungferndorf (Kobylá nad Vidnávkou) und manche wurden in Gefangenschaft genommen.

Maria war in dieser Zeit im Haus versteckt:  „Ich kann mich auf diese Schießerei noch erinnern. Ich war 7 Jahre. Ich hab mich bei uns in der Küche unter die Eckbank verkrochen. Ich hab so eine Angst gehabt. Ich wusste gar nicht wo der Papa und die Mama war. Das war für mich erschrecken.“

Zu der Ostsee verfrachtet

Die Angst vor der Rache der tschechischen Seite und der tschechischen Mobilisation hat eine schnelle in der Nacht verlaufende Evakuation von Frauen und Kinder mit Wagons aus Groß Krosse nach Preußen bewirkt. In dem Gedränge haben sie die Mutter verloren. „Oma, Gretl und ich - nach Kolberg an der Ostsee wurden wir verfrachtet. Wo Vater und Mutter waren wussten wir noch nicht. Erst nach drei Wochen konnten wir die Mutter ausfindig machen. Und die war dann 30 Kilometer von uns entfernt. Bei Stettin war die untergebracht und gefunden haben wir uns so zu sagen wieder durch eine Schwester meiner Mutter in Wien. Wir haben alle nach Wien geschrieben – mein Vater, meine Mutter und meine Oma. Und die hat dann alle verständigt, wo sie sich befinden. Und dann 4 Wochen später konnten wir wieder heim.“

Die Kriegszeit

Im Jahre 1939 brach der Zweite Weltkrieg aus und es brachte schwierige Zeiten. Die Bauer mussten so und so viel Ernte und Lebensmittel abgeben. „Es wurde alles gezählt, jedes Stück Rindvieh, Schweine, Hühner, Gänze. Da mussten wir pro Kuh so und so viel Liter Milch abliefern. Pro Hähne auch eine bestimmte Anzahl an Eiern. Schweine schlachten dürften wir nur zwei Stück. Alles andere musste verkauft werden. Auch Getreide fiel unter das Kontingent. Wenn man nicht die bestimmte Menge ablieferte musste man Strafe zahlen.“

Diese Abgaben waren immer gleich, aber z. B. wenn die Kühe trächtig sind, dann haben sie eine Zeit keine Milch. Marias Mutter Emma hat sich aber gekümmert, dass ihre Familie nicht an Hunger leidet. Das zentrifugieren der Milch war offiziell verboten. Die Bauern mussten die Trommel von der Zentrifuge abgeben. Auch hier wussten sich die Eltern zu helfen, sie haben sich mit dem Onkel Heinrich Pache aus Steingrund (Kamenná) beraten und er hat ihnen seine Trommel gegeben, die sie dann offiziell ablieferten. Ihre haben sie in einer Nische im Schlafzimmer versteckt. Sie konnten weiter zentrifugierten und darum auch Butter schlagen. „Da musste immer eins auf der Hut sein, denn die Kontrolleure kamen ohne Anmeldung.“

Onkel Rudolf Pache hatte wieder eine Mühle und er hat oft Stroh gebraucht, in den Wagen hat der Vater auch Brotgetreide versteckt. Der Onkel hat es gemahlen und sie hatten immer genügend Brot.

Der Bund Deutscher Mädel

Den Vater wollten sie in die Partei überzeugen, aber die Mutter wollte von dem nichts hören - „Halt dich raus!“. Ihr Vater, Marias Großvater Franz Franke, war früher Bürgermeister von Groß Krosse, darum wusste sie, dass in der Politik viel Streit und Zank ist. Die Tante Anna aus Wien hat ihnen aber geraten, dass er lieber in die Partei gehen soll und die Mädchen in den Bund Deutscher Mädel (BdM) schicken soll, damit sie nach dem Krieg eine gute Position haben, keine Probleme bekommen und auf bessere Bildung nicht verzichten müssen.

Die Schwester Margarete hatte die Uniform: „schwarzer Rock, weiße Bluse, und so eine khakifarbene Jacke, schwarzes Tuch mit einem Knoten. Da haben die ausgerechnet immer Sonntagvormittag irgendwelche Sachen anberaumt, wo wir Jugendlichen hin sollten. Mussten wir immer in Klamotten erscheinen. Da haben wir Knoten mit dem Tuch weg. Sind ersteimal in die Kirche und dann sind wir hin.“

Auch an manchen Abenden mussten sie zu BdM. Die Mutter hat aber mehrmals lieber Strafe gezahlt, damit die Mädchen zuhause blieben. Im Winter mussten sie für die Soldaten Socken und Handschuhe stricken für das Winterhilfswerk.

 „Zu dem Zeitpunkt, während des Krieges konnte man manchen nicht trauen. Da hast du nicht gewusst. Meint der‘s ehrlich? Oder meint er’s nicht? Musste dich mit jedem Wort schön zurückhalten. Das war nicht so einfach. Und ich weiß, dass in Weidenau Kapläne und wir hatten ja das Priesterseminar in Weidenau. Dass Professoren, wenn die ein Wort gesagt haben, waren die weg. Waren sie gleich fort.“

Der Himmel voller Christbäume

Am 7. November 1944 am Abend hat der Vater alle hinter die Scheune gerufen: „Der ganze Himmel gegen Nordosten stand voller Christbäume, es war der erste große Angriff auf Breslau (Vratislav). Kurze Zeit später hörten wir in der Nähe Flugzeuggeraus – und plötzlich hagelten Bomben ganz in der Nähe. Wir klebten nur so an der Scheunenmauer den damit hatten wir ja auch nicht gerechnet. Es stellte sich später heraus, dass es  ein versprengtes Flugzeug war. Der nur seine Ladung – sieben Bomben los werden wollte. Gott sein Dank, haben sie keinen großen Schaden angerichtet.“

Der kleine Hans Scherle

Im Januar 1945 kamen in das Dorf fast jeden Tag Kolonen mit etwa zwanzig Pferdewagen mit Planen von Flüchtlingen aus Oberschlesien, die vor der Front flohen. Meistens konnten sie eine Nacht bei den Bauern übernachten, die Pferde wurden gefüttert und nächsten Tag ging es weiter Richtung Mähren. Aber am 27. Januar kam Familie Scherle, Frau Scherle war hochschwanger und schon 10 Tage auf der Reise, da bat ihr Ehemann um längere Rast. Der Bürgermeister hat es genehmigt. Montag sollten sie weiter fahren, aber die Wehen setzten ein. „Der Vater entschied: Sie bleiben bei uns, ich rufe den Arzt. Ich wurde beauftragt zum Pferdebauer Peter zu gehen, der hatte den Schlitten. Mit dem haben wir den Arzt in Weidenau abgeholt. Es war ja bitter kalt, alles verschneit, Hochschnee und das hätte ich nicht laufen können…eine Hebamme hat meine Mutter besorgt. Und um halb zwölf Vormittag war ein kleiner Hans auf die Welt gekommen.“

Andere Wagen sind schon weiter. Scherles blieben bis 14. Februar. Familie Pache hat sich noch um die Taufe gekümmert, weil sie evangelisch waren kam ein Pastor aus Freiwaldau (Jeseník). Johann Pache und eine Schwester von Emma Pache waren die Paten. Die Familien blieben im Kontakt. Hans ist jetzt Doktor der Physik in Aachen.

Im März bekamen sie zwei Leutnants einquartiert, die die kommende Front organisierten. Die Gespräche mit ihnen waren sehr interessant und bereichernd. Als sie sich Anfang Mai verabschiedeten haben sie gesagt, dass „es bald Schluss ist“. Sie versuchen noch nach Hause zu reiten. Einer stammte aus Leipzig. „Die Front stand seit Wochen bei Neiße (Nisa). Jeden Abend hörten wir das Artilleriefeuer.“

Die russischen Soldaten kommen

Am 8. Mai 1945 kamen die ersten russischen Reiter in das Dorf. Sie haben geplündert, Frauen und Mädchen vergewaltigt. Vater Johann hat im Scheunendach ein Versteck vorbereitet, wo sich Margarete mit Maria und auch junge Frauen aus der Nachbarschaft versteckten und in der Nacht schliefen. In Haugsdorf war eine Likörfabrik, zehn Minuten weit vom Hof, wo die Russen den Vorrat plünderten. In der Nacht haben sie dann mit Alkohol bestärkt Frauen gesucht. „Wir hatten Angst um unsere Eltern. Wenn die Russen betrunken waren, waren sie unberechenbar. Einmal kamen sie und meine Mutter musste ihnen eine große Pfanne Rührei machen. An anderes Mal suchten sie junge Mädchen. Viele Frauen mit kleinen Kindern wurden vergewaltigt. Sie hatten nicht die Möglichkeit sich zu verstecken.“

Einmal als die Familie Mittagessen wollte kamen zwei oder drei Russen auf das Haus zu. Die Mädchen sprangen aus dem Fenster und haben sich im Mais versteckt. Es kam grade der polnischer Zwangsarbeiter Peter, der sich mit Johann schon drei Jahre aus der Fabrik kannte und mit dem er sich befreundet hat. Er wollte um Essen für seine Heimreise bitten und hat die russischen Soldaten aus dem Hof gebracht. „Der hat dann gesagt: Pryč!“ Und sie gingen weg.

Auf das Feld gingen die Mädchen in Verkleidung als Jungen in alter Männerkleidung mit Dutten unter eine Klappmütze versteckt: „Reine Vogelscheuchen. Das ging bis in den Juli so. Dann zogen die Russen ab und die Tschechen übernahmen das Ruder. Wir konnten zwar wieder in unseren Betten schlaffen. Aber sicher waren trotzdem nicht. Bei Nacht und Nebel standen die Tschechen vor der Tür und durchwühlten alles und nahmen mit was ihnen gefiel.“

Die Tschechen übernahmen das Ruder

Seit Juli 1945 kamen Tschechen mit dem Zug nach Groß Krosse. Sie gingen in Gruppen durch das Dorf und haben nach Häusern geschaut. Mitte August bekamen sie einen tschechischen „Správce“ auf den Hof, der sie dirigierte und sich bedienen las. Sie konnten nicht verkaufen und haben auch kein Geld bekommen. Als die Mutter Fleisch kaufen wollte bat sie ihn um Geld – er hat ihr gesagt, dass sie eine Henne schlachten soll. Er stammte aus der Walachei und blieb bis Winteranfang. Mitte Dezember hat er die ganze Ernte verkauft und ist verschwunden. Er hat kein Getreide für die Viecher zum futtern gelassen.

In dieser Zeit sind immer wieder arbeitsfähige junge Menschen nachts oder abends abgeholt worden und mussten zur Zwangsarbeit. Am 22. November wurde Marias Schwester Margarete nach Mähren transportiert. „So ging es vielen jungen Leuten zwischen 18 und 25 Jahren. Wir wussten überhaupt nicht was mit ihnen geschah.“

 Sie kam zu einem alten Bauer nach Bořitov, der einen heruntergekommenen Bauernhof hatte. Dort bekam sie fast kein Essen, es war ihr kalt und wurde wie eine Sklavin behandelt. Sie hatte auch Angst, dass ihre Familie schon nach Deutschland transportiert wird. Darum ist sie auf einem Fahrrad geflohen und wurde am dritten Tag in Heinrichsthal (Jindřichov) von der Polizei verhaftet.

Margarete kam nach Mährisch Schönberg (Šumperk) ins Gefängnis. Dort waren viele Deutsche eingesperrt, die dort schon 8-10 Monate waren und misshandelt wurden, vollkommen isoliert waren und hungerten.

Margarete ist entlassen worden

Bei dem Verhör war sie glaubhaft und darum wurde sie zahmer gebandelt worden. Sie musste in einer tschechischen Familie arbeiten und hat zu der Gelegenheit einen Brief nach Hause geschickt. Nach 4 Wochen wurde sie entlassen.

„Die Mama litt grade zur dieser Zeit an Lungen- und Rippenfellentzündung. Auch bei ihr stand es Spitze auf Knopf. Denn für uns Deutsche waren keine Ärzte vorhanden. Zum Glück hatten wir über Jahre hinweg gute Kontakte zum Kloster in Weidenau. Und da kam jeden Tag eine Schwester, die die Mama behandelt hat. Zu diesem Zeitpunkt wurde Gretl (Margarete) entlassen...sie kommt abends Heim in den Hof und sieht fremde Leute am Tisch sitzen – Schock. Sie stürmt bei Oma ins Zimmer. Die Oma, Papa und ich sitzen beieinander. Mama fehlt – ein Schrei. „Wo ist Mama?“ Wir sagten nur - oben im Zimmer. Sie rennt rauf und darauf kriegt die Mama einen Schock.“

Weil die Mutter grade sehr krank war, könnte ihr diese freudige Begegnung das Leben kosten. In der Zeit gab es keine Medikamente für Deutsche und darum war sie Hilfe des Klosters die einzige Möglichkeit. Emma Pache hat schon Jahre früher im Kloster angefragt, ob sie dort Bedarf an Butter und Eier hätten. Und hat den Überschuss aus ihrem Hof dort verkauft. „Und diese Beziehung hat uns so viel genutzt.“

Neuer „Správce“

In der zwischen Zeit im Januar 1946 kam ein neuer „Správce“ Josef Novosad, er ist einmal für ein paar Tage verschwunden und am Faschingsdienstag hat er seine Familie ins Haus gebracht. „Am nächsten Morgen stand die Polizei vor der Tür und verkündete uns, dass wir bis abends 17 Uhr den Hof zu verlassen haben. Das war’s.“  Wie schon geschrieben wurde, die Familie ging dann zur Oma ins Ausgedinge-Haus.

Maria hat auch darüber gesprochen wie sie in dieser Zeit mit Sachen zu ihrer Tante nach Sörgsdorf (Uhelná) gelaufen ist. Es war ein abenteuerlicher aber auch gefährlicher Weg über Felder und Wälder ohne Bewilligung von den tschechischen Behörden. Dank Hilfe von zwei Kutschern, Frau Latzel aus der Fabrik in Sörgsdorf und einer deutschen Frau, bei der sie sich vor einem Gewitter versteckt hat, hat es geklappt.

In Prag mit Flaschen beworfen

Am 30. Juli 1946 wurden sie in die MUNA in Niklasdorf (Mikulovice) verfrachtet worden. Sie sollten schon in Mai oder Juni fahren, aber der Baumeister, bei dem der Vater gearbeitet hat, wollte seine hochwertige Arbeitskraft früher nicht hergeben. „Dort wurde unser Gepäck gewogen. Pro Person 30 kg. Das andere wurde uns Weggenomen. Als wir unser Überbleibsel ansahen hatten wir weder Besteck noch Teller und Tassen. Daraufhin ist der Papa mit noch anderen, denen es genauso gegangen ist, zum Kommandeur und haben sich beschwert. Darauf dürften wir noch einiges zusammen klauben.“  

Am 4. August ging die Reise Richtung Westdeutschland los. „Königgrätz (Hradec Králové) war der erste Morgen. Prag gegen Abend.“ Als ihr Wagon durch Prag fuhr, mussten sie alles schließen, der Zug wurde mit Flaschen beworfen. Maria und Margarete lagen mit anderen jüngeren oben auf dem Gepäck und bei den Schlitzen, bei denen sie ein bisschen Luft schnappten. Die mussten sie zumachen, weil sie sich sonst von den Glassplittern verletzen könnten.

Sie kamen nächsten Morgen nach Furth im Walde, wo sie entlaust wurden. Dann ging es weiter, am Abend kamen sie nach Röttingen in Bayern. Alle wurden in einem großen Saal in einer ehemaligen Burg untergebracht.

Silberhochzeit im Flüchtlingslager

Im Flüchtlingslager haben sie sich gelangweilt, darum haben die Mädchen, weil es nach der Ernte war, auf den Feldern die vergessenen Ähren gesammelt. Die Eltern haben sie gerieben, geputzt und ausgeblasen. „In laufe der Tage kam ein Säckchen Weizen zusammen. Damit ist mein Papa in eine Mühle gegangen und hat dafür ein paar Pfund Mehl bekommen.“

Sie kamen am 20. August nach Sonderhofen in ein Gasthaus, wo es dann 26 Menschen im Saal gab. Die Eltern von Maria haben am 27. August ihre Silberhochzeit gefeiert. „Meine Mutter hat aus dem Mehl aus Röttingen einen großen Streuselkuchen beim Bäcker gebacken... denn sie dann in 26 Stücke geschnitten hat. Das war dann die ganze Feier.“ Sie haben auch allen anderen ein Stück gegeben.

Der Schutt denn man hier abgeladen hat

Nach zwei Wochen bekamen sie bei dem Maler Hanftmann ein kleines Zimmer zugewiesen, wo sie alle auch mit der Oma gewohnt haben. Dort war es eng und kalt. Sie hatten nur ein Bett für die Oma, die anderen mussten auf Feldbetten schlafen. Später im Jahr 1948 bekamen sie noch ein Zimmer, aber es kam noch eine Tante aus der DDR, die blieb. Im Herbst 1950 sind sie in eine Wohnung in Acholshausen umgezogen.

Die ersten Jahre in der neuen Heimat waren schwierig. Der Vater musste oft die Arbeitsstellen wechseln. Einmal hat der Pfarrer bei der Messe in Röttingen gesagt: „Das ist der Schutt, denn man hier abgeladen hat.“ Mit dem Schutt bezeichnete er die Flüchtlinge. „Die werden einmal froh sein, wenn sie für ein Käsebrot schaffen dürfen.“ Hat auch eine Bäuerin aus dem Ort gesagt.

Als Zeitvertreib Theater gespielt

In den Jahren 1946-1948 besuchte Maria eine hauswirtschaftliche Berufsschule. Als Zeitvertreib hat sie mit ihrer Schwester und mehreren Mädchen Theater gespielt. Sie wollten Anschluss finden mit der ansässigen Jugend. Der Vater hat ihnen eine Bühne mit Kulissen gezimmert. Bretter hat Maria beschafft. Sie ging zu einem Holzhändler in Ochsenfurt. Und hat im gesagt was sie braucht und hat hinzugefügt: „Es können auch Schwatten sein.“ Da hat sie welche bekommen. Eine Kindergarten-Schwester hat die Theaterstücke gewählt und sich um die Einstudierung gekümmert. Maria hat Texte für die einzelnen Rollen mit einer Schreibmaschine, die ihr der Pfarrer geborgt hat, mit zwei Fingern umgeschrieben.

Dreißig Adressen – keine Lehrstelle

Maria suchte eine Lehrstelle, hat an dreißig Adressen geschrieben, aber sie hat nur Absagen erhalten. Später erlernte sie Pelznäherin in Ochsenfurt, aber leider konnte sie keine Arbeitsstelle finden. Nach längerer Zeit fand sie eine Stelle in einer Näherei. Es war eine anstrengende Zeit, sie musste viel Neues lernen, aber sie liebte diese Herausforderung. Das nähen hat ihr immer Spaß gemacht.

Anstrengend war auch die Zeit in der sie sich mit der Mutter drei Jahre um die drei Kinder ihrer Schwester gekümmert hat. Die Mutter den ganzen Tag und Maria hat abends mitgeholfen. Schwester Margarete hat im Jahr 1949 Josef Leier geheiratet, einen Kollegen ihres Vaters. Das Ehepaar pachtete sich ein Bauernhof. Später haben sie ein Haus in Holzhausen gebaut, wo sie bessere Arbeitsmöglichkeiten gefunden haben. Die Kinder haben sie nur an Sonntagen gesehen. Als das Haus fertig war kamen die Kinder zu ihren Eltern. Und auch die Großeltern, Johann und Emma Pache, übersiedelten im November 1956 zu ihnen nach Holzhausen.

Wunschkonzerte im Radio

Sonntags gab es im Radio Wunschkonzerte und Familie Pache hatte schon ein Radio, darum kam auch einmal der Sohn einer Freunden der Familie zum zuhören. So hat Maria sich mit ihrem zukünftigen Ehemann, Paul Miksch, kennengelernt. Sie saß bei der Nähmaschine und er beim Radio.

Paul war auch Heimatvertriebene und stammte aus der Stadt Schluckenau (Šluknov). Er hat lange eine Arbeitsstelle gesucht. Später hat Paul eine Umschulung bei einer kaufmännischen Fachschule in Würzburg absolviert und Ende des Jahres 1955 eine Arbeitsstelle in der Firma Koenig & Bauer gefunden.

Da konnten Paul mit Maria Ostern 1956 Verlobung gefeiert. Im Oktober 1956 heiratete sie. Nach langen Strapazen mit der Suche eines Baugrundstücks,  haben sie ein schönes in Höchberg gefunden. Leider hat es der Vater von Maria nie erfahren, weil er am 1. August 1958 tödlich in der Arbeit verunglückt ist. Er hatte ein schlechtes Gehör und ein Ladekran ist auf ihn auf der Baustelle, wo er als Zimmermann arbeitete, gefallen.

Im Mai 1958 kam Hannelore zur Welt. Fünf Jahre später im April 1963 Claudia und im Jahre 1966 Martina. Die Schwiegermutter hat sich um die Kinder gekümmert und Maria hat weiter gearbeitet. Im November 1963 ging es so nicht weiter, weil die Schwiegermutter erkrankte. Maria konnte dann von zu Hause arbeiten, ihr Arbeitgeber hat es ermöglicht und sie war Stundenlang im Nähzimmer. Später wurde sie Hausfrau. Die dritte Tochter war nämlich ein sehr leibhaftes Kind „mit der Martina klappte es nichtmehr, die hat mir alles zerlegt“.

In der alten Heimat war sie zu Besuch, der Hof ist verkommen und es ist kein schöner Anblick. Heute würde sie schon keine Reise nach Groß Krosse absolvieren. Sie hat dieses Gebirge und die Landschaft in ihrem Herzen und alles was sie dort erlebt hat, aber die alten Erinnerungen hätte sie auch nervlich nicht verkraftet. „Ich hab es hier schön.... 60 Jahre – ein wunderbares Leben.“

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