Peter Christian Bürger

* 1956  

  • Ja, selbstverständlich, ich stand ja neben ihm auf dem Balkon an diesem Abend. Man muss eines dazu sagen. Viele Millionen Menschen sehen auch heute noch immer wieder mal diesen berühmten Halbsatz, weil der Rest dieses Satzes natürlich in dem fünftausendfachen Jubel der Menschen, der Zufluchtssuchenden da unten im Garten, untergegangen ist. Aber in der Wirklichkeit war es so, dass Hans Dietrich Genscher über eine halbe Stunde da gesprochen hat und dass auch in dieser Zeit schon bestimmte Schlüsselsätze gefallen sind, die die Leute da unten im Garten schon ahnen ließen, dass es nun endlich tatsächlich so weit ist. Er hat die Menschen zum Beispiel begrüßt, in dem er sagte: „Im Namen der Bundesrepublik begrüße ich Sie als Deutsche unter Deutschen.“ Und das war ein absoluter Schlüsselsatz. Ihr gehört zu uns, wir gehören zusammen. Es wurden halt viele Aussagen getroffen da an dem Abend und dann eben so im ersten Drittel seiner Rede der Satz: „Wir sind heute zu Ihnen gekommen um euch mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise möglich wurde.“ Und dieses „möglich wurde“, das ging in einem tausendfachen Jubel unter, das man im ganzen Prag, glaube ich, gehört hat.

  • Ich war vielleicht noch zwanzig, dreißig Meter von dem großen Haupttor entfernt, als der eine Polizist seine Zigarette ausdrückte. Und ich meine heute noch zu sehen, dass er so ein, zwei Schritte in meine Richtung machte. Das war für mich das Startsignal. Ich musste unbedingt und auf alle Fälle verhindern, dass er mich aufhält und nach Papieren fragt. Deswegen war es genau das Zeichen, dass es gebraucht hat, dass ich starte. Ich bin losgesprintet. Dieses große Eingangstor von der Botschaft hätte auch zu sein können und es hätte mich gar nichts genutzt! Ich bin trotzdem losgesprintet und bin zu dem Eingang gegangen und tatsächlich war das Tor offen und ich konnte reinrennen in den großen Torbogen, der da ist. Ich habe mich nicht umgedreht, ob der Polizist in meine Richtung gegangen ist oder stehen geblieben ist, weil ich nicht hundertprozentig wusste, ob er vielleicht dort reinkommen kann und mich dort rausholen. Ich habe an die Scheibe von der Pförtnerloge geklopft und habe da reingerufen: „Ich bin der Herr Bürger, ich komme aus der DDR und ich gehe jetzt nicht wieder raus!“

  • Es war natürlich sehr schwierig. Ein illegales Verlassen der DDR war mit dem Risiko Tot verbunden, dessen musste man sich wirklich klar sein. Die DDR war in der Tat, heute weiß man das auch anhand der –zig Kilometer Aktenmaterial, die jetzt noch in Berlin liegen, die DDR war ein großes Gefängnis. Und man hatte kaum irgendeine Möglichkeit, dieses Land irgendwie zu verlassen. Es gab viele Fluchtversuche, es gab viele Menschen, die an der innendeutschen Grenze gestorben sind bei ihren Fluchtversuchen.

  • Das Problem war natürlich in dem Moment, wo ich meinen ersten Antrag gestellt hatte, dass sie sofort wussten: „Ja, das ist einer, der unseren sozialistischen Staat verlassen will, der uns verraten will, der sich hingezogen fühlt zu dem kapitalistischen System in der Bundesrepublik!“ Und somit war ich natürlich ab dem Moment auch offiziell als Staatsfeind abgestempelt und das hat man mich auch spüren lassen.

  • Ich musste aber feststellen, dass die Machthaber in der DDR jeden kritischen Geist dermaßen schlimm sanktioniert haben und denen dazu jedes Mittel recht war, dass ich für mein weiteres Leben in der DDR mich selbstbestimmt entwickeln zu dürfen absolut keine Chance mehr gesehen habe und keine Perspektive vor allen Dingen, dass sich das vielleicht mal bessern könnte. Und aus diesem Grund habe ich irgendwann 1984 den Entschluss gefasst, dass ich versuchen werde, die DDR auf legalem Weg, also durch einen Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR (zu verlassen) und mein Leben dort zu beenden und anderweitig mein Glück zu suchen um mich persönlich entwickeln zu können. Und das wollte ich eben in der Bundesrepublik. Und ich habe aufgrund dessen den ersten Antrag gestellt, der allerdings unbegründet abgelehnt worden ist.

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    Praha, 06.08.2019

    (audio)
    délka: 02:23:38
    nahrávka pořízena v rámci projektu Stories of the 20th Century TV
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NDR bylo jedno veliké vězení, železná opona padla v Praze

Christian Bürger, Anfang achtziger Jahre
Christian Bürger, Anfang achtziger Jahre
zdroj: pamětník

Christian Bürger se narodil 31. března 1956 v Chemnitzu (tehdejší Karl-Marx-Stadt) v Německé demokratické republice. Matka byla poválečná vyhnankyně ze Slezska usazená na území tehdejší sovětské okupační zóny Německa. Christian nevstoupil do mládežnických organizací ani komunistické strany, a nesměl proto studovat. Aktivní byl v opozičních křesťanských kruzích. V roce 1984 podal oficiální žádost o vycestování do NSR, ta ale byla bez vysvětlení zamítnuta. Podáním žádosti se stal v NDR „nepřítelem státu“ a dvakrát týdně se musel pravidelně hlásit k výslechům na úřadech. Se dvěma blízkými kamarády chtěl opustit zemi nelegálně, a to v Československu. V únoru roku 1986 byl ale zatčen, strávil půl roku ve vazbě na samotce. Udal ho jeden z přátel, se kterými útěk plánoval. Odsouzen byl na tři roky, vězněn byl v Cottbusu. Po roce a půl byl propuštěn na základě amnestie, kterou si výměnou za půjčku vymínila NSR, na další tři roky ale zůstával pod soudním dozorem a neměl občanský průkaz. Opět se musel hlásit k výslechům, byl pod dohledem Stasi, musel vykonávat podřadné práce. Na jaře 1989 zaslechl v televizních zprávách negativní zmínku o prvních východoněmeckých utečencích na západní ambasádě v Praze a nechal se inspirovat. Hranici do ČSSR musel přejít jedné červnové noci nelegálně, neměl doklady. Budovu velvyslanectví v Praze našel jen díky západoněmeckým turistům, na mapách nebyla. Patřil mezi první čtyři desítky příchozích uprchlíků na ambasádu, podílel se na organizaci a budování stanového tábora, stal se jakýmsi mluvčím uprchlíků. 30. září byl přítomen návštěvě ministra zahraničí SRN Genschera v Praze, stál za ním na balkoně, když oznámil, že uprchlíci budou moci vycestovat. NDR vycestování pod mezinárodním tlakem povolila, ale nikoli přímo z ČSSR, nýbrž přes své území. Uprchlíky z ambasády na nádraží Praha Libeň převezly vyslané východoněmecké autobusy, východoněmecké vlaky je vezly přes prázdná nádraží až do Hofu v NSR, kde je vítaly jásající davy. Bürger za pár dnů získal práci v pohostinství, brzy nastoupil na vedoucí pozici, doplnil si vzdělání, cestoval a pracoval v zahraničí – útěk a následný pád železné opony mu otevřel nové možnosti.