Příběhy 20. století
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Oral history Methoden

Erzählte „Erinnerung des Volkes" - über die Methode der Oral History

Verfasser: David Weber, Historiker am Institut für zeitgenössische Geschichte, Akademie der Wissenschaften der Tschechischen Republik

Die Oral History gehört zu den Forschungsmethoden, die in unterschiedlichen gesellschafts- und humanwissenschaftlichen Fächern, wie z.B. der Geschichte, Soziologie, Anthropologie, Ethnologie, Musikwissenschaft oder Kunstgeschichte, benutzt wird. Ebenso wird sie von einem breiten Kreis von Forschern und Interessierten angewandt, die sich einerseits zwischen den Wissenschaftsfächern bewegen, andererseits zwischen der Wissenschaft und der nichtwissenschaftlichen Praxis.

Sofern man der Oral History eine genauere theoretische Definition gäbe, könnte sie etwa wie folgt aussehen: Es handelt sich um eine Reihe durchgearbeiteter aber sich immer weiter entwickelnder Verfahren, mit deren Hilfe der Forscher im Bereich der Human- und Gesellschaftswissenschaften neue Erkenntnisse gewinnt, und dies auf Grund der wörtlichen Aussage von Personen, die Teilnehmer bzw. Zeugen von Geschehnissen, Prozessen oder Zeiträumen, die erforscht werden, oder jenen Personen, deren individuelle Erlebnisse, Einstellungen und Meinungen die Kenntnisse des Forschers bzw. das erforschte Problem insgesamt bereichern können.

Oral History ist durch einige charakteristische Merkmale gekennzeichnet, die sie von anderen Forschungsmethoden unterscheidet. In erster Linie handelt es sich um eine qualitative Methode der Forschung, für die eine demokratisierende Auffassung von Geschichte typisch ist. Im Vergleich mit anderen Herangehensweisen - wie zum Beispiel der traditionell aufgefassten Politik-, Wirtschafts-, Sozial- oder Militärgeschichte - versucht sie, die außerachtgelassenen (sogenannten geschichtslosen) Gesellschaftsschichten „zu Wort kommen zu lassen". Sie reflektiert weitaus mehr die sogenannte ´kleine Geschichte` (Mikrogeschichte), individuelle Erlebnisse, die „von unten" geschriebene Geschichte („history from below"), Dimensionen des Alltags und ähnliches. Als qualitativer Zugang gilt jene Forschung, die die Mitteilung von Einzelpersonen als eigenwillige Erkenntnisquelle ansieht und nicht versucht, den Inhalt mit Hilfe von quantifizierenden (z.B. statistischen) Verfahren in ein breites Ganzes zu verallgemeinern.

Das bedeutet aber nicht, dass quantitative Zugänge, die mit Hilfe der Statistik, öffentlichen Meinungsumfragen usw. arbeiten, keinen Platz in der Erforschung der Vergangenheit hätten oder gar ´minderwertigere` Ergebnisse hervorbringen als qualitative Zugänge. Genauso wie einerseites viele soziologisierende oder ökonomisierende Ausrichtungen in der historischen Forschung eher einen quantitativen Zugang bevorzugen, arbeitet Oral History andererseits in erster Linie mit Gesprächen als den Produkten qualitativer Forschung. Selbstverständlich werden dabei in vielfältiger Weise die Quellen und Ergebnisse, die auf anderen Wegen erzielt worden sind, berücksichtigt und reflektiert (z.B. auf der Basis von Archivuntersuchungen). Beide Zugänge haben Vor- und Nachteile, darum erlangt man nur in Kombination beider zu einem ´objektiven` Bild von der Vergangenheit.

Eine wichtige Frage bezieht sich auf die häufig hervorgehobene Beziehung zwischen der Oral History und den sogenannten objektiven Fakten. Gemäß der traditionellen Auffassung (nicht nur) der Geschichtswissenschaft, versucht der Geschichtsforscher aufgrund von Sammlung, Analyse und Vergleich der Angaben, die in den verschieden Arten von Quellen enthalten sind, das Bild der Geschichte „so, wie sie war" anhand von „objektiven Fakten" zusammenzufassen. In Form eines Teilbeitrages oder in einer abschließenden Monografie stellt er dannn seine Endvorstellung Fachleuten und der breiten Öffentlichkeit vor. Die gegenseitige Interaktion von Historiker - Wissenschaft - Gesellschaft verläuft nicht um luftleeren Raum, sondern in Dimensionen der realen Welt, ganz davon abgesehen, dass unter ähnlichen Bedingungen auch das, was von der Vergangenheit übriggeblieben ist, entstanden ist, das eine der Grundlagen für die (Re)Konstrukdion von Geschichte bildet. Von der Bevorzugung bei der Auswahl der Quellen, ihrer Interpretation und nicht zuletzt von der Darstellung und gesellschaftlichen Reflexion des Forschungsergebnisses, leitet sich z.B. die Verschiedenheit der „historischen Schulen" und die allgemeinen Zugänge zur Erforschung der Geschichte ab, die sich immer aufs Neue verändern und entwickeln. Darum wurde auch die Arbeit mit den mündlichen Quellen, die in Konkurrenz zu anderen (z.B. den schriftlichen) Quellen stand, als „allzu subjektiv" (und demnach unzuverlässig) empfunden und seiner Zeit abgelehnt. Es läßt sich aber auf keinen Fall abstreiten, dass Angaben, die auf Grundlage individueller Aussagen gemacht werden, sich nur schwer durch das Prisma der quantitativen Kriterien wahrnehmen lassen, die bei der Arbeit mit einer anderen Quellenart benutzt werden. Gespräche gehen von den vergangenen Erlebnissen Einzelner aus, sind von zeitlicher Distanz beeinflusst, aber auch von der Umwelt, in der sie entstehen. Sie sind abhängig von den persönlichen Motiven der Befragten und darum sind die in ihnen erhaltenen Angaben im Vergleich mit anderen Quellen wesentlich subjektiver. In einem Atemzug fügen wir hinzu, dass der Forscher im Bereich der Oral History dies nicht als Nachteil ansieht, sondern im Gegenteil, als Bestandteil und unerlässliche Qualität, deretwegen er solche Gespräche führt. Durch Vermittlung der Oral History gewinnt demnach der Forscher neue Informationen, Erkenntnisse und Fakten, die sein bisheriges Bild der Geschichte bereichern, erweitern oder korrigieren. Dank der Erlebnisse und der Mitteilungen aus dem Mund der Befragten hat er die Möglichkeit seiner Geschichtsdarstellung eine individuelle Dimension zu verleihen.

Im Zentrum des Interesses der Oral History steht die Betrachtung der Person als menschliches Wesen mittels Fixierung, Analyse und Interpretation seiner verbalen und nonverbalen Äußerungen, wobei vom epistemologischen Standpunkt aus alle Arten von „Mitteilungen über die Vergangenheit" bei all ihren Vor- und Nachteilen gleichwertig sind (angefangen bei Urkundenmaterial und der Skulptur eines bedeutenden Staatsmannes, weiter bei den Akten der Staatssicherheit und einer Schallplatte, bis hin zu einem Wandplakat oder email Spam). Unter diesem Blickwinkel verschwindet die strikte und häufig polarisierende Unterscheidung der historischen Quellen in sog. objektive und subjektive Quellen. In der Geschichtswissenschaft sollte sich ein solches Verfahren aus wohl erwogenen Gebrauch eines Maximums von legal zugänglichen und vom ethischen Gesichtspunkt aus unproblematisch erworbenen und verwendbaren Quellen zusammensetzen. Gleich ob es sich dabei um schriftliche, bildliche, materielle, mündliche, audiovisuelle oder gar um jene „virtuelle" Quelle aus dem Internet handelt. Es ist notwendig zu betonen, dass die grundlegende Voraussetzung der Arbeit mit Oral History der Respekt vor dem Menschen als Einzelwesen ist, mit allem, was dazugehört. Es handelt sich dabei um die folgenden zwei miteinander verbundenen Ebenen des Respektes: die fachlich und theoretisch-methodologische Ebene; die ethisch-rechtliche Ebene.

Gerade dieser komplexe Zugang unterscheidet die Oral History von anderen, weniger fachlichen oder gänzlich unwissenschaftlichen Zugängen in der Arbeit mit Gesprächen und schwer ein seriöses Forschungsergebnis erreichen, sondern der Forscher setzt auch mit seinen Verfehlungen sein fachliches und menschliches Ansehen aufs Spiel, abgesehen von dem Risiko eines möglichen Gerichtsverfahrens und den Rechtsfolgen.

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