Willi Gerlach

* 1932

  • "Wir wurden dann am 10. Februar aufgefordert unsere Wohnung zu verlassen, wir sollten uns alle am Ausgang des Dorfes… gen Norden sammeln. Jeder kam mit dem was er hatte, wir hatten ja nun unseren Handwagen. Parallel zu uns liefen deutsche Gefangenen, in dreier oder vierer Reihen. Wir waren am Dorfrand angekommen, da wurden diese Gefangenen auf ein freies Feld getrieben und es dauerte nicht lange, dann knatterten Schüsse. Die Gefangenen wurden dort erschossen. Viel, viel später sagte eine Frau, die aus einem Nachbarort kommt - hier aus Mesow: "Ja, Baudach habe ich in ganz schlechter Erinnerung. Da haben Leichenberge gelegen von erschossenen Soldaten." (Pause) Unser Marsch ging dann weiter bis nach Dobersaul, am Rande von Dobersaul wurde unserer Bürgermeister erschossen. Unterwegs trafen wir junge deutsche Soldaten. Zum Teil waren es Flaghelfer, die damals mit fünfzehn, sechzehn, siebzehn Jahren, eingezogen worden waren, wir gaben ihnen soweit wir konnten etwas Nahrung, wir gaben ihnen, soweit wir hatten, Kleidung. Ob die den nächsten Tag überlebt haben, das bezweifle ich sehr. Wir zogen weiter, kamen dann in einen Ort namens Topper. Hier wurden am Abend junge Mädchen (Pause) äh, von uns weggeholt. Die kamen uns dann am nächsten Tag entgegen. Keiner fragte. Wir sprachen nicht mehr darüber, Kopf runter und weiter. Wir kamen nach Lago, in Lago hatte ich eigentlich meine schlimmste Erfahrung, als damals noch nicht 13-Jähriger. Auch bei den Massenerschießungen hier am Dorfrand, standen wir dabei. Davon träume ich heute noch. In Lago erlebte ich, dass ein Russe ein kleines Kind an den Beinen packte und gegen die Wand schlug, weil die Mutter nicht so wollte, wie er wollte. Ich ergriff die Flucht. Später, viel viel später, im Laufe des letzten Jahrzehnts sagte eine Nachbarin zu mir "Ja, aber du hast doch geholfen." Die wusste nicht, wie die Zeit damals war. Denn hätte ich versucht zu helfen, dann würde ich hier nicht mehr sitzen."

  • In Reppen hatte der Zug mit dem wir nach Hause fuhren Verspätung. Wir standen auf dem anderen Bahnsteig, da fuhr der aus Posen kommende Zug ein und es kamen immer mehr Lazarettzüge; und in diesem Lazarettzug sahen wir viele Verwundete. Früher war es so, dass man in die Züge nicht hinein gucken konnte, jetzt waren auch die Vorplätze mit Verwundeten belegt, man sah plötzlich blutige Verbände, was früher überhaupt nicht der Fall war. Jetzt kamen Fragen auf, für die aber eigentlich keine Antworten gefunden wurden, und dann passierte es im Januar 45: Wir waren mit Freunden zusammen und fuhren Schlitten und plötzlich hörten wir einen gewaltigen Donner.. (Pause) Schweigen. Dann sagte einer: „Das ist Kanonendonner“, „Ne, Kanonendonner, unmöglich". Keiner hat daran geglaubt. Und dann haben wir weiter gemacht, es grummelte in der Ferne, aber wir haben nicht mehr weiter darauf geachtet. Am nächsten Tag, oder ein (Pause), zwei, drei Tage danach, kamen die ersten Trans…., Trecks in unser Dorf, ich erinnere mich noch ziemlich gut daran, die fuhren bei uns hier auf einen Hof einer Landwirtschaft und es war ja nun Winter. Eine Frau gab mir ihr Kind in einem Bündel vom Wagen herunter und sagte mir, ich sollte leise sein. Ich war ganz leise, aber ich wunderte mich, da dieser kleine Körper irgendwie für mich eigenartig war, und ich stellte fest: das Kind war tot. (Pause) Das hatte sie überhaupt noch nicht gemerkt. Naja, das gab dann nachher natürlich ein großes Geschrei, die Mutter war… fertig, hier und da hörten wir dann sie wären von Panzern überrannt, überrollt worden, soundsoviele wären nicht durchgekommen. Auch von diesen Wagen, die hier bei uns im Dorf erschienen, waren einige beschädigt: Wir hörten erstmals davon, dass Zivilisten erschossen worden waren, wir hörten, dass Frauen besondere Erlebnisse hatten, aber die nächsten Tage verliefen wieder ruhig.

  • "Und am nächsten Tag kam ein mächtiges Gerassel auf und es dauerte nicht lange, es war so gegen Mittag, da standen die ersten Panzer vor unserer Tür. Die ersten, die bei uns in die Wohnungen kamen, verhielten sich ziemlich menschlich. Es gab kaum Probleme, bis auf die nachkommenden Truppenverbände, da ging es dann schon ein bisschen anders zu, ich mein, dann wenn mal ein Flugzeug rüber kam, stürzten sich die Soldaten von ihren Wagen runter, in die Häuser rein. Es fielen Schüsse, man hörte das Schreien der Frauen und es war, glaube ich, die erste Nacht, da hörte ich dann plötzlich ein Knallen, guckte zum Fenster raus, da brannte schräg gegenüber das erste Haus. Am nächsten Tag, am nächsten Abend war unser Nachbarhaus dran, Kiebels Ecke. Unsere Oma, meine Großmutter rief: ´Jungs, holt mal ganz schnell die Handwagen aus der Scheune´. Mein Bruder und ich wir eilten hinüber in die Scheune und wollten die Handwagen raus holen, aber als wir aus unserem Scheuentor heraus kamen, haben die Russen Scheibenschießen auf uns gemacht. Sie fuhren vorbei, ob sie nun gezielt geschossen haben oder nicht gezielt, das kann ich nicht sagen. Aber wir hatten natürlich Angst. Wir haben's dann doch irgendwie geschafft, dass wir mit unseren Handwagen rüberkamen ins Haus und diese Nacht war schlimm. Meine Großmütter, Mutter von Vater, Mutter von… meiner… Mutter, und meine Mutter wurden geholt, sie sollten zum Kochen. Aber vorher noch… wir standen bei uns in der Küche, und der eine Soldat wollte meine Mutter anfassen, da sprang mein Bruder hinzu und der Russe verstand das natürlich richtig, als Drohung, Bedrohung. Ein Russe nahm die Maschinenpistole und wollte meinen Bruder rausdrängen, da warf sich meine Mutter dazwischen "Nehmt mich, nehmt mich". Naja, und da wurden die Frauen von uns getrennt, und sie kamen erst irgendwann mitten in der Nacht wieder zu uns. Zu uns, das waren mein Großvater, mein Bruder und ich. In dieser Nacht haben wir… nicht geschlafen, was selbstverständlich ist, und diese Russen… das muss ich nachtragen, die verlangten nach etwas ganz Bestimmtem, wir verstanden sie aber nicht. Und dann gingen sie durch die… Räume und fanden dann… Sauerkraut. Eingelegtes Sauerkraut. Und sie wurden nun wütend, denn sie nahmen an, wir wir wollten das verstecken, wir wollten ihnen das nicht geben. Aber (räusper) dann eben eskalierte diese ganzes Chaos und in der Nacht waren unsere Frauen eben von uns getrennt."

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  • 1

    Budachów, Polen, 18.06.2011

    (audio)
    délka: 02:16:08
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Das Wichtigste ist, dass man miteinander redet.

Willi Gerlach mit seinem Bruder Kurt, Eltern und Oma Jischke
Willi Gerlach mit seinem Bruder Kurt, Eltern und Oma Jischke

  Willi Gerlach wurde 1932 in der Ortschaft Baudach im Landkreis Crossen geboren. Sein Vater war Zivilangestellter in einer Artilleriekaserne, seine Mutter war Hausfrau; er hat einen älteren Bruder. Zu Beginn des Krieges meldete sich sein Vater freiwillig zur Armee. Im Januar 1945 näherte sich die Kriegsfront Baudach und Willi Gerlach flüchtete am 10. Februar mit seiner Familie Richtung Westen. Zum Kriegsende kehrten sie nach Baudach zurück, wo bereits eine polnische Verwaltung eingesetzt worden war. Wenige Tage später wurden alle Dorfbewohner aus dem Ort vertrieben. Die Familie Gerlach ging zunächst nach Berlin zu Verwandten. Aus Berlin ausgewiesen gelangte die Familie schließlich nach Sachsen-Anhalt, wo Willi Gerlach die Volksschule beendete. 1946 kehrte sein Vater aus englischer Kriegsgefangenschaft zurück. Nach seinem Schulabschluss begann Willi eine Lehre als Mechaniker. 1961, von einem Kollegen gewarnt, gelang es ihm mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter noch vor dem Mauerbau nach Westdeutschland auszureisen. Dort studierte er auf Lehramt und arbeitete bis zu einer Pensionierung im Jahre 1994 als Lehrer. 2002 unternahm er das erste Mal eine Fotoreise in seine alte Heimat und fährt seitdem mehrmals im Jahr zu Besuch in das heutige Budachów. heute lebt er mit seiner Frau in Köln.